07.07.2012
TT-Interview

Fassbaender nimmt Abschied vom TLT: Der Garten muss warten

Brigitte Fassbaender nimmt Abschied vom Tiroler Landestheater. Im Interview mit der TT blickt sie zurück und nach vorn, gesteht der Nordkette die Liebe und schwärmt von ihrem iPhone.

Ihre Ära am Tiroler Landestheater geht zu Ende. Welche Regieträume liegen jetzt in Ihrer Schublade?

Brigitte Fassbaender: Ich habe nie Regieträume gehabt. Im Gegenteil: Wenn ich mir etwas gewünscht habe und mir Träume erfüllt habe, dann war das gar nicht so erfreulich, wie ich dachte. Ich habe deshalb lieber versucht, alles auf mich zukommen zu lassen und wenn möglich die Herausforderung zu suchen.

Welche Herausforderungen kommen nun auf Sie zu?

Fassbaender: Zur Eröffnung des Gärtnerplatz-Theaters in München werde ich im Cuvilliés-Theater „Don Pasquale“ inszenieren – wie jede Komödie ein ziemlich schweres Stück, das ich bis dato noch nie gemacht habe. Dann geht‘s in Graz mit „Hänsel und Gretel“ weiter, bevor ich mich in Regensburg an „Katja Kabanova“ wage. In der Spielzeit 13/14 mache ich eine Richard-Strauss-Inszenierung in Frankfurt und dann kommt „Albert Herring“ an der Wiener Volksoper. Zudem gibt‘s viele Anfragen von Musikhochschulen und Opernstudios, wo ich Kurse geben soll. Das will ich aber wohl dosieren. Der Terminkalender ist bis Mitte 2014 schon wieder übervoll. Alle Träume vom geruhsamen Sitzen im Garten, vom Lesen und ins Grüne schauen lassen sich vorläufig nicht verwirklichen. Wenn denn je ...

Wie sind Sie eigentlich mit der Tiroler Mentalität zurechtgekommen?

Fassbaender: Diese Frage habe ich nie ganz verstanden, obwohl sie mir oft gestellt wurde. Ich finde, dass man mit jeder Mentalität zurechtkommen kann. Und an der Tiroler Mentalität habe ich nichts Besonderes erkennen können. Ich halte die Tiroler für ein humorvolles, kluges, kauziges und warmherziges Volk. Und ich hab‘ mich hier immer sehr wohl gefühlt. Hier hat man nichts gegen Berliner (lacht).

Haben Sie in Tirol auch Freunde gefunden?

Fassbaender: Ja, ich habe im Arbeitsumfeld Freunde gefunden. Sonst blieb ja kaum Zeit. Aber da werden sicher einige Kontakte bleiben.

Wenn Sie an Ihre Anfangszeiten zurückdenken: Welchen Eindruck hatten Sie damals von Innsbruck und seinem Theaterpublikum? Und inwiefern hat sich dieser Eindruck im Laufe der 13 Jahre verändert?

Fassbaender: Ich bin mit etwas anderen Erwartungen auf dieses Publikum zugegangen, weil ich gedacht hatte, dass Dominique Mentha mit seinem innovativen Theatergefühl vielleicht ein bisschen mehr Boden für eine andere Wahrnehmung bereitet hätte. Aber ich habe dann erkannt, dass doch sehr viel konventionelles und traditionelles Denken vorherrscht. Ich bin aber 100-prozentig überzeugt, dass die Produktionen, die damals beim Publikum nicht angekommen sind, heute angenommen würden. Weil sich im Laufe der Zeit eine Neugier herauskristallisiert und ein Vertrauen in die Qualität des Gebotenen entwickelt haben. Und letztlich geht‘s immer um die Qualität! Wenn etwas gut ist, stellt sich nicht die Frage, ob es modern oder konventionell ist. Dennoch hat sich gezeigt, dass man im Spielplan nicht allzu viel Unbekanntes bringen darf. Die Tiroler haben gern ihre vertrauten Stücke, aber da sind sie auch bereit, eine andere Lesart in Kauf zu nehmen. Dennoch haben wir nicht immer nach dem Populärsten geschielt – im Gegenteil. Man kann ja nicht immer nur „Bohème“ und „Zauberflöte“ spielen.

In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie es nie geschafft haben, sich eine Elefantenhaut zuzulegen. Hätten Sie diese in Innsbruck oft gebraucht?

Fassbaender: Ja, zum Beispiel gerade eben in unserer Abschiedswoche, als in der TT über den Besucherrückgang am Landestheater berichtet wurde. Dieser Rückgang betraf aber die letzte Spielzeit, die auf eine Saison folgte, in der die Programmierung sehr populär und die Auslastung überdurchschnittlich hoch waren. Dieser Besucher-Boom war nicht zu toppen. Abgesehen davon sind gewisse Fluktuationen ganz normal – und man darf nie vergessen, dass unsere Auslastung seit Jahren über 80 Prozent lag. Das ist für ein Dreispartenhaus mehr als beachtlich. Abgesehen davon bin ich kein Freund der Kritik, ich hab‘ sie auch mein ganzes Leben nicht gelesen. Hier habe ich es tun müssen, weil das ja zu meinem Job dazugehörte. Und da fand ich manches sehr ungerecht.

Apropos Kritik: Ihr Nachfolger Johannes Reitmeier hat bei seiner Vorstellungs-pressekonferenz leise Kritik am Schauspiel geübt. Wurde diese Sparte in Ihrer Amtszeit vernachlässigt?

Fassbaender: Vernachlässigt ist der falsche Ausdruck. Schauspieldirektor Klaus Rohrmoser ist ein großer Praktiker, ein Könner, den das Ensemble sehr gemocht hat. Ich persönlich hätte mir manchmal ein paar innovativere Regisseure gewünscht. Und vielleicht mehr interessante Gäste – das setzt neue Maßstäbe und bringt frischen Wind ins Ensemble. Rohrmoser war von Anfang sehr autark, weil ich ja vom Musiktheater kam und keinen Schauspieldirektor meiner Wahl mitgebracht hatte. Aber wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden.

In Ihren Inszenierungen haben Sie immer eine sehr charakteristische Personenführung an den Tag gelegt. Woher rührt Ihre Menschenkenntnis?

Fassbaender: Das kann ich nicht beantworten. Wie so vieles nicht, weil ich selbst immer wieder vor Fragen stehe – was ich sehr wichtig finde. Ich gebe in meinen Stücken ja nie Antworten, sondern möchte etwas offenlassen. Aber ich habe von frühester Jugend an Menschen und ihre Schwächen, Stärken und Ticks beobachtet. Das war meine Art von Schauspielunterricht, den ich nie genommen habe. Und in meinen Inszenierungen versuche ich, mich mit jeder Figur zu identifizieren und in die jeweiligen Gedanken hineinzuschlüpfen. Außerdem animiere ich die Darsteller, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen.

Ihre Arbeit zeichnet sich durch den Hang zur Tragikomik aus. Wie kommt‘s?

Fassbaender: Es geht nicht anders – der größte tiefste Ernst kommt nicht ohne ein Lachen aus. Und die groteskeste Komik ist bitterster Ernst. Wenn man auf die Pauke haut und dem Affen dann noch Zucker gibt, hat man verloren. Man muss die Komödie todernst nehmen, damit sie funktioniert. Ich habe in jedem noch so ernsten Stück etwas Komisches gefunden. Und umgekehrt war es genauso.

Wurzelt das in Ihrer eigenen Persönlichkeit?

Fassbaender: Ich glaube schon, dass diese beiden Extreme in mir sind. Ich kann total lustig und albern sein, gleichzeitig schlummern aber auch ernste und melancholische Seiten in mir. Der strahlende Optimist bin ich nicht. Aber das habe ich nie als störend empfunden.

Was werden Sie an Innsbruck vermissen?

Fassbaender: Ich habe es geliebt, morgens auf die Nordkette zu schauen, die jeden Tag irgendwie anders aussah. Diese ungeheuren Stimmungen werden mir fehlen. Genauso wie meine Mitarbeiter, die Menschen, die mir sehr viel gegeben haben.

Werden Sie künftig im Zuschauerraum des Landestheaters sitzen?

Fassbaender: Nein, das schaffe ich nicht. Das wäre mir zu emotional. 13 Jahre sind doch eine lange Zeit – deshalb ist es dieser Tage auch nicht leicht für mich. Weil jeder Gang ein Abschied ist.

Zu Ihrem 70. Geburtstag haben Sie sich in einem Interview einen iPod gewünscht. Wie viele haben Sie mittlerweile bekommen?

Fassbaender: Einen einzigen. Und den hat mir Hilde Zach geschenkt. Dabei hatte ich mich damals sogar versprochen – denn eigentlich hatte ich mir ein iPhone gewünscht. Aber mit ihrem Einverständnis hab‘ ich das Gerät umgetauscht – und das werd‘ ich auch nie mehr weggeben, sondern in Ehren halten. Weil es mich an die Hilde denken lässt.

Das Gespräch führten Christiane Fasching und Ursula Strohal

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 07.07.2012
sperrstunde

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    Wann: 19.05.2013
    Wo: Tiroler Landestheater - Grosses Haus

    7. SYMPHONIEKONZERT

    Wann: 24.05.2013
    Wo: Congress Innsbruck, Saal Tirol

    36. Innsbrucker Wochenendgespräche

    Wann: 25.05.2013
    Wo: Tiroler Landestheater -

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