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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 25.04.2013

Die ganze Welt in einem bunten Zirkuszelt

Familiengeschichten aus dem Cirque du Soleil, einst von Straßenkünstlern gegründet, heute globales Unternehmen. Und im Herbst wieder in Tirol.

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Von Ivona Jelcic

New Orleans – In der New Orleans Arena ist schon am Nachmittag einiges los: Kostüme werden ausgebessert, Schuhe von Hand bemalt, die Band macht sich bereit für den Soundcheck, langsam trudeln die Artisten ein. Saltos gelten hier als Aufwärmübung, kurze Zeit später geht’s in die Maske: Jeder Handgriff sitzt, die Künstler schminken sich hier selbst.

Am Abend, wenn auf der Bühne die Scheinwerfer angehen, wird das Publikum in die wunderbare Fantasiewelt von „Quidam“ eintauchen, akrobatische Höchstleistungen bestaunen und über die Clowns lachen.

Vier Tage lang gastiert der Cirque du Soleil in der Südstaaten-Metropole New Orleans, dann geht es weiter durch die USA, im Herbst auch wieder nach Europa, von 2. bis 6. Oktober ist die Show „Quidam“ in der Innsbrucker Olympiahalle zu sehen.

Wie aber gestaltet sich der Alltag im Zirkustross? Bei „Quidam“ sind rund 50 Mitarbeiter aus 19 verschiedenen Ländern beschäftigt, die TT hat in New Orleans hinter die Kulissen der Arena-Produktion geschaut. Und erfahren: Es gibt manchmal auch so etwas wie Lagerkoller. Natürlich. Man versucht ihm mit regelmäßigen Pausen auszuweichen: Alle zehn Wochen haben die Mitarbeiter des Cirque du Soleil zwei Wochen Urlaub, meist wird der für einen Besuch bei den Lieben zuhause genutzt, andere wiederum packen – ohnehin schon in fernen Weltgegenden unterwegs – die Gelegenheit beim Schopf, noch mehr von der Welt zu sehen: Osterinseln, Hawaii, andere exotische Ziele. Dann geht’s wieder zurück in die Zirkus-Familie: „Wir leben in einer Gemeinschaft von Leuten mit sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Das ist sehr herausfordernd, aber auch sehr schön“, sagt Luc Ouellette, Artistic Director von „Quidam“. Als ausgebildeter Tänzer stand er früher selbst in Cirque-Produktionen auf der Bühne. Heute sei die Hälfte seines Jobs „psychologisch“, schmunzelt er. Die Truppe ist „so etwas wie Familien­ersatz“, erklärt auch die Wienerin Ludowika Swoboda, die für die Beleuchtung verantwortlich ist (siehe Artikel rechts). Klar, dass da mitunter auch die Fetzen fliegen. Insgesamt aber dominiert die Harmonie. Am Abend wird einer der Musiker ein Konzert in einem der Clubs im French Quarter geben. Selbstverständlich, dass die Kollegen dabei sein werden. Im Zirkus ist auch Platz für Ausflüge in die Solo-Karriere. Eine solche hatte der gebürtige Philippiner Ardee Midel Dionisio schon vor seinem Eintritt in die Zirkuswelt. Er war Solo-Tänzer an der Grazer Oper, hat irgendwann das Video einer Artistik-Einlage auf einer Privatfeier auf YouTube gestellt und bekam plötzlich digitale Post vom Cirque du Soleil.

„Ich dachte zuerst, das ist ein Witz“, sagt Dionisio. Spätestens bei der Audition in Berlin hat sich die Sache als ernst herausgestellt. Und die Karriere des Tänzers eine aufregende Wendung genommen, die er alles andere als bereut.

Eigene Talentscouts suchen für den Cirque du Soleil nach Nachwuchs, weltweit werden Auditions veranstaltet. Nicht wenige ehemalige Leistungssportler kommen in der Zirkusfamilie unter, so auch das ukrainische Brüderpaar Aleksandr und Andrii Bondarenko. Die ehemaligen Turner zeigen in „Quidam“ atemberaubende artistische Einlagen, die kaum weniger Training verlangen als einst der Sport. In dieser Hinsicht ist der Traum- tatsächlich auch ein Knochenjob. Bekommt man es eigentlich auch manchmal mit der Angst zu tun? „Höchstens um die anderen. Ich bin meistens am Boden“, lacht Aleksandr, während Andrii schon wieder durch die Luft wirbelt.

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