„Können nicht verhindern, dass Iran die Atombombe baut“
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Gerhard Mangott, renommierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck, denkt, dass das Atomprogramm des Iran nicht gestoppt werden kann.
Foto: Jan Hetfleisch
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Vergangene Woche wurde von der Atomenergiebehörde ein Bericht zum Iran präsentiert. Darin heißt es, es gebe konkrete Hinweise auf die Entwicklung von Atomwaffen. Wie ernst sehen Sie die Lage?
Gerhard Mangott: Die Frage ist, ob sich das Regime tatsächlich schon dazu entschieden hat eine Atombombe zu bauen, oder lediglich über die technischen Fähigkeiten verfügt, diese aber noch nicht umsetzt. Da sind sich weder die Experten der IAEA noch die meisten Regierungen einig.
Der aktuelle IAEA-Bericht ist sicher der schärfste, den wir bisher gesehen haben. Das liegt auch daran, dass der vorige IAEA-Direktor, Mohammed el-Baradei, sehr viel restriktiver mit der Veröffentlichung bestimmter Informationen umging, als der jetzige Chef Yukiya Amano.
Israel droht mehr denn je mit einem Militärschlag gegen den Iran. Sind diese Drohgebärden ernst zu nehmen?
Mangott: Die Israelis drohen öffentlich mit einem Militärschlag, nicht deshalb weil sie es tatsächlich vorhätten, sondern um den Druck für schärfere Sanktionen zu erhöhen. Ein gezielter Angriff ist kaum möglich, da die Anlagen über das ganze Land verstreut existieren und einige noch gänzlich unbekannt sind. Zumeist sind sie unterirdisch gebaut und durch meterdicke Betondecken geschützt, was mögliche Angreifer vor große Herausforderungen stellt. Israel hat zwar im Hinblick darauf Bomben von den USA gekauft, die in der Lage sind solche Schutzschichten zu zerschlagen. Doch ein weiteres Problem ist, wie die Luftstreitkräfte vor Ort gelangen sollen. Viele Anlagen finden sich im Nordosten des Iran. Die Route führt durch Lufträume möglicherweise nicht freundlich gesinnter Staaten.
Jedenfalls wäre dies eine hochriskante militärische Operation, deren Erfolgschancen schwer eingeschätzt werden können. Das Atomprogramm könnte wohl höchstens für zwei bis drei Jahre verzögert werden, denn das bestehende Wissen wird dadurch nicht ausgelöscht. Ein solcher Angriff ist also nicht vernünftig, besonders auch angesichts eines möglichen Gegenschlags.
Die Erfolgsaussichten eines israelischen Alleingangs wären also nicht besonders groß. Was aber, wenn sich die USA ebenfalls zu einem Angriff entschließt?
Mangott: Die Amerikaner könnten mit der Marine bis vor die Haustüre des Iran gelangen. Auch bei den technischen Möglichkeiten gibt es gewisse Vorteile gegenüber Israel. Problem bleibt, dass viele potenzielle Ziele noch gar nicht lokalisiert wurden. Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, dass die USA einen neuen Krieg beginnen. Die Öffentlichkeit ist kriegsmüde, dazu kommt das fehlende Geld. Natürlich könnte man die Defizitgrenze wieder erweitern, aber es dürfte schwierig sein, dies der Bevölkerung zu vermitteln. Wenn Israel angreift, könnte die USA allerdings in einen Krieg hineingezogen werden, den sie gar nicht wollen.
Was sind die möglichen Folgen eines Militärschlags?
Mangott: Der Ölpreis würde sicherlich steigen, da Iran wichtige Seewege blockieren dürfte. Angriffe auf Israel und das gesamte Potential asymmetrischer Antworten ist vorstellbar. Die mit dem Iran verbündete Hisbollah im Süden des Libanon verfügt über bis zu 40.000 Raketen, die palästinensische Hamas könnte für Terroraktionen mobilisiert werden. Das alles würde Israel massiv gefährden.
Derzeit wird vor allem der Ruf nach härteren Sanktionen laut. Könnte dies zum Erfolg führen?
Mangott: Die Vetomächte Russland und China sind nicht bereit verschärfte UN-Sanktionen zu unterstützen. EU und USA könnten bilaterale Sanktionen über die iranische Zentralbank und iranische Ölexporte verhängen. Dies würde den Iran sicher treffen, aber gleichzeitig die schon angespannte Lage an den Finanzmärkten verschärfen. Und Russland und China werden dem Iran als Handelspartner nicht abhanden kommen.
Das Fazit daraus ist, dass wir wohl damit leben müssen, dass der Iran in Besitz der Atombombe kommt. Es bestätigt sich immer mehr, dass es keine realistischen Optionen gibt, um dies zu verhindern. In der Obama-Regierung wird bereits mit einer Atommacht Iran kalkuliert und eher in Richtung Abschreckung und Eindämmung gearbeitet. Die USA sind dabei Staaten wie Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain oder Katar militärisch aufzurüsten.
Denken Sie, dass Nachbarstaaten des Iran dann ebenfalls nach der Atombombe streben werden?
Mangott: Natürlich besteht dieses Risiko. Saudi-Arabien, Ägypten und die Türkei sind hier Anwärter. Dies wollen die USA verhindern und werden sich deshalb als Schutzmacht aufdrängen. Es hängt davon ab, wie sich dieses regionale Kräftespiel entwickelt, ob die Nachbarn sich ebenfalls nuklear bewaffnen.
Wird der Iran wirklich offensiv als Atommacht auftreten?
Mangott: Iran wird glaube ich die Bombe nicht einsetzen, so wie Israel immer argumentiert. Das Problem ist, dass das Land bei nuklearer Bewaffnung schwerer unter Druck zu setzen ist und sich viel mehr erlauben kann.
Kommen wir zur innenpolitischen Situation des Iran. Nützt der Regierung verschärfter Druck von außen?
Mangott: Ja, die momentane Situation verringert die Spannungen zwischen Elite und Volk. Was die Grabenkämpfe innerhalb der Elite betrifft, könnte es zu einem taktischen Waffenstillstand kommen. Ahmadinejad könnte seine, im Augenblick sehr schwierige, Position stabilisieren. Im Übrigen hat kein Repräsentant der Oppositionsbewegung jemals gesagt, er würde von einem Atomprogramm abrücken.
Das heißt, Ahmadinejad sucht bewusst die Konfrontation …
Mangott: Das macht er sicher, das macht er seit er Präsident ist.
Gibt es andere Möglichkeiten den Iran zu bremsen?
Mangott: Die gezielte Tötung von iranischen Wissenschaftern erweist sich als sehr effiziente Methode, um das Programm zu verlangsamen. Menschlich weniger bedenklich und ebenfalls erfolgreich sind Sabotageakte, zum Beispiel durch Cyberattacken.
Also sind verstärkte Geheimdienstoperationen wahrscheinlicher als ein offener Krieg?
Mangott: Ja, weil diese überraschend erfolgreich verlaufen. Der Iran ist offenbar noch immer nicht in der Lage sich in dieser Hinsicht ausreichend zu schützen. Trotzdem führen diese Aktionen nur kurzfristig zum Erfolg. Wie gesagt, langfristig müssen wir uns auf einen nuklear bewaffneten Iran einstellen.
Das Gespräch führte Simon Hackspiel.

