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Vor Obama-Besuch

Mexiko zeigt sein neues Selbstbewusstsein

Aus Mexiko kamen jahrelang nur schlechte Nachrichten: Drogenkartelle verbreiten Angst und Schrecken, korrupte Politiker ersticken jegliche Reformbemühungen. Präsident Peña Nieto will US-Präsident Obama nun ein neues Mexiko zeigen.

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Von Denis Düttmann

Mexiko-Stadt – Mexikos Wirtschaft boomt, die Sicherheitslage hat sich nach Regierungsangaben verbessert, und Präsident Enrique Peña Nieto legt im Wochenrhythmus neue Reformvorschläge auf den Tisch. Wenn US-Präsident Barack Obama an diesem Donnerstag (2. Mai) den Nachbarn im Süden besucht, wollen die Mexikaner sich als dynamischer Wachstumsmotor der Region präsentieren.

Innenminister Miguel Ángel Osorio Chong wünscht sich eine Beziehung „unter Gleichen“ mit den USA. „Mexiko braucht die Vereinigten Staaten, aber die Vereinigten Staaten brauchen Mexiko auch“, sagte Osorio kürzlich bei einem Besuch in Washington. Das mag ein wenig vermessen klingen, doch es zeigt das neue Selbstbewusstsein, mit dem die Mexikaner nach Norden schauen.

Nieto verpasste Mexiko Image-Politur

Seit seinem Amtsantritt im vergangenen Dezember ist es Präsident Peña Nieto gelungen, Mexikos Image grundlegend zu ändern. Während sein Vorgänger Felipe Calderón den Kampf gegen die Drogenkartelle in den Mittelpunkt seiner Agenda stellte, spricht Peña Nieto lieber über wirtschaftliche Liberalisierung und soziale Projekte.

Zwar ist die Sicherheitslage in einigen Teilen Mexikos noch immer desolat, in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich Mexiko allerdings vom gescheiterten Narco-Staat zum Latino-Tiger gemausert. Bei der Wachstumsrate hat es 2012 Brasilien - die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas - hinter sich gelassen. Mexiko hat Freihandelsabkommen mit 44 Staaten unterzeichnet - mehr als jedes andere Land der Welt. Zudem exportiert Mexiko mehr Industriegüter als der Rest Lateinamerikas zusammen.

„Es ist eine großartige Wachstumsgeschichte. Mexiko ist jetzt wettbewerbsfähiger als China“, schwärmte der Vorstandsvorsitzende des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, Larry Fink, kürzlich in einem Interview im US-Fernsehsender CNBC. Während die chinesischen Lohnkosten immer näher an jene in Mexiko heranrücken, können mexikanische Unternehmen wegen der kurzen Transportwege und der Zollfreiheit gerade für den US-Markt äußerst günstig produzieren.

Dabei fußt Mexikos Wirtschaft schon lange nicht mehr ausschließlich auf industriellen Billigprodukten. Große Autohersteller, allen voran Volkswagen, lassen in Mexiko fertigen. Der Technologiekonzern Siemens unterhält neben 13 Fabriken auch drei Entwicklungszentren im Land. Mittlerweile machten jedes Jahr mehr Mexikaner ein Ingenieurdiplom als Deutsche, zitierte das britische Magazin „The Economist“ Siemens-Regionalchefin Louise Goeser.

Schwerpunkte in der Beziehung zu den USA verschoben

Bereits am vergangenen Freitag empfing Obama im Weißen Haus US-Unternehmer mit wirtschaftlichen Interessen in Mexiko, bei seinem Besuch in Mexiko-Stadt wird er sich auch dort mit Firmenchefs treffen. „Das zeigt, dass sich die Schwerpunkte der Beziehung zwischen Mexiko und den USA verschoben haben“, sagt der Professor für Internationale Beziehungen an der Universität CIDE in Mexiko-Stadt, Jorge Schiavon. „Es geht nicht mehr nur um Kooperation im Sicherheitsbereich, sondern immer stärker auch um Wirtschaftsbeziehungen.“

Trotz aller Aufbruchstimmung: Obama und Peña Nieto werden sich auch den klassischen Konfliktthemen widmen müssen. Mexiko macht die USA für die extreme Gewalt zwischen den Kartellen mitverantwortlich. „Die Drogen gehen nach Norden, die Waffen in den Süden“, beschreibt der Professor für Internationale Beziehungen an der Hochschuler UNAM in Mexiko-Stadt, Eduardo Rosales, die Logik der illegalen Handelsströme. „Mexiko muss endlich seine Stimme erheben und striktere Waffenkontrollen an der Grenze einfordern.“

Denis Düttmann ist Journalist der Deutschen Presse-Agentur.

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