Archiv

Letztes Update am TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe

Aufruhr vor Fußball-WM

„Der Gigant erwacht“: Proteste und Krawalle statt Fußball-Party in Brasilien

Knapp ein Jahr vor der Fußball-WM kocht in Brasilien die Stimmung. Aus Wut über soziale Missstände und die Verschwendung von Steuergeld gehen Hunderttausende auf die Straße. Bilder von Straßenschlachten gehen um die Welt. Proteste statt Fußball-Party. Einen Etappensieg haben die Demonstranten schon erreicht. Und nun?

drucken

São Paulo - Die Partystimmung zur Generalprobe für die Fußball-WM in Brasilien ist zunächst verdorben. Zwar feiern die Brasilianer ihren Helden Neymar, der die Seleção beim laufenden Confederations Cup im Stadion mit Traumtoren zu Siegen führt. Doch vor den Stadien spielen sich bürgerkriegsähnliche Szenen ab. Im Fußball-Land Brasilen prallen Parallelwelten aufeinander. „Die Revolte der Jugend“, „Brasilien geht auf die Straße“, „Der Gigant ist erwacht“, lauten nur einige Schlagzeilen, die auch die Regierung nervös machen. Sie gab in einem wichtigen Punkt nach. Doch die Demonstranten wollen mehr.

Präsidentin Dilma Rousseff versuchte nach der ersten Protestwelle diese Woche die unberechenbare Dynamik der Demonstrationen zu entschleunigen. „Die Stimmen der Straße müssen gehört werden. Die klare Botschaft von den Straßen ist: mehr Staatsbürgerlichkeit, bessere Schulen, bessere Hospitäler, bessere Gesundheitszentren und das Recht auf Mitsprache.“ Die Staatschefin höchstpersönlich hat fast klarer als die Demonstranten die Protestagenda formuliert. Es fehlte allerdings die Forderung nach einem Ende der Korruption.

Preiserhöhungen zurückgenommen

Die Stimme der Straße wurde dann am Mittwochabend auch gehört. Die beiden größten Metropolen des Landes, São Paulo und Rio de Janeiro, leiteten wie zuvor schon andere Städte die Kehrtwende ein und nahmen Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr zurück. Die Anhebung um 20 Centavos (6 Euro-Cent) war der Zündfunke für die Proteste, denn die Busse und U-Bahnen sind für Millionen Brasilianer der einzige Weg, zur Arbeit zu kommen. Die Busse sind dabei oft hoffnungslos überfüllt und stehen stundenlang im Stau. Dafür noch mehr Geld zu zahlen, das wollten viele Menschen einfach nicht einsehen.

Doch es war eben nur eine Forderung. „Não só 20 Centavos“ - stand auf vielen Plakaten der Demonstranten: „Es geht nicht nur um 20 Centavos.“ Die Proteste sind gut organisiert und umfassen dutzende Städte sowie alle 12 Spielorte der WM 2014. Auch in ausländischen Städten, wie New York, Los Angeles und Chicago gingen Brasilianer auf die Straße. Doch der Chef des Brasilien-Institutes des US-Think Tanks, „Woodrow Wilson International Center for Scholars“ in Washington, Paulo Sotero, sieht keine Parallelen etwa zum „Arabischen Frühling“ oder den Massenprotesten in der Türkei.

„Nachdem die Brasilianer nun fast zwei Jahrzehnte Demokratie mit wirtschaftlicher Stabilität probiert und schätzen gelernt haben, fordern sie nun mehr Demokratie und ein besseres Auskommen“, sagt der brasilianische Journalist und Historiker. Der Adressat dieser Forderung: „Ein politisches System, das zunehmend dysfunktional und unfähig geworden ist, konkrete Antworten zu geben auf wirkliche Probleme für die Lebensqualität der Menschen, wie etwa ein anständiges öffentliches Transportwesen.“

Dass zeigt sich auch bei den Protesten, bei denen auch der „neue Mittelstand“ Brasiliens und nicht etwa nur die Ärmsten der Armen auf die Straße geht. Symbolträchtig waren diese Woche die Bilder der Demonstranten, die in Brasília auf dem Zwischendach des Kongresses, dem Sitz von Senat und Abgeordnetenhaus, tanzten und „Der Kongress ist unser“ riefen. In Rio und São Paulo protestierten die Menschen vor den Amtssitzen der Bürgermeister und den Regionalparlamenten.

Auch der Fußball, der eigentlich die Brasilianer eint, war Ziel der Proteste. Viele sind sauer über die steigenden Milliarden-Kosten für die WM. Die Wut entlud sich vor den Stadien des Confed Cups, deren Umfeld, wie in Brasília oder Fortaleza, zeitweise einem Schlachtfeld glich: Tränengas-Schwaden, brennende Autos, Verletzte und Molotowcocktails prägten das Bild. Das hatten sich der Fußball-Weltverband FIFA und der Gastgeber für die WM-Generalprobe ganz anders vorgestellt.

Kein Ende der Demos, FIFA beunruhigt

Auch für Donnerstag werden weitere Proteste erwartet - vor allem in Rio de Janiero, wo im Maracanã-Stadion das Spiel Spanien-Tahiti im Confederations Cup ausgetragen wird. In Fortaleza kam es am Mittwoch vor dem Anpfiff des Spiels zwischen Brasilien und Mexiko zu zunächst friedlichen Protesten. Spieler der brasilianischen Nationalmannschaft erklärten sich solidarisch mit friedlichen Demonstranten.

FIFA-Generalsekretär Jérôme Valcke rechnet mit einer Million Demonstranten. Dies sagte der Franzose am Rande des Fußballspiels Brasilien gegen Mexiko. „Wir können nichts tun“, sagte Valcke. „Das ist eine unangenehme Situation für alle Beteiligten. Niemand ist damit glücklich.“ Das Fußballturnier wird zunehmend von den Demonstrationen überschattet.

Pele-Aufruf zum Streik-Ende erzürnt Brasilianer

Die größte Fußball-Legende Brasiliens hat es sich mit einem Teil ihrer Landsleute verscherzt. Der Aufruf von Pele an die Demonstranten in Brasilien, die Straßen zu verlassen und sich auf Fußball zu konzentrieren, hat im sozialen Netzwerk großen Aufruhr und Unverständnis mit sich gebracht.

„Vergessen wir all die Aufregung, die derzeit in Brasilien passiert, all diese Proteste, und erinnern wir uns, wie sehr die brasilianische Mannschaft für unser Land und unser Blut steht“, sagte Pele. „Pele erzählt dem Volk, dass es die Aufregung vergessen und der Mannschaft den Rücken stärken soll. Die Nationalmannschaft, die FIFA, die Stadien, die Millionen kosten, fahrt zur Hölle“, postete ein Brasilianer auf Facebook.

„Gehen Sie in die Krankenhäuser, nehmen Sie einen Bus ohne Wachleute, dann möchte ich sehen, ob Sie weiterhin solche dummen Dinge sagen“, schrieb ein anderer. „Pele, Ihre Ignoranz steht im Verhältnis mit ihrem fußballerischen Genie“, lautete ein weiterer erzürnter Kommentar.

Brasiliens Teamkicker solidarisieren sich

Brasilien schwankt dieser Tage zwischen sportlichen Erfolgen und politischen Protesten rund um den Confederations Cup. Neymar und Kollegen zeigten dabei Stärke: Zunächst auf dem Rasen beim 2:0-Sieg in Fortaleza gegen Mexiko, mit dem sie am Mittwoch den Aufstieg ins Halbfinale fixierten. Danach mit Verständnis für die Protestanten.

Schiedsrichter Howard Webb hat 2010 das WM-Finale in Südafrika gepfiffen und schon so ziemlich alles mitgemacht im Fußball. „Noch nie im Leben habe ich so etwas gehört“, sagte der Engländer am Mittwochabend im Kabinengang nach dem Sieg der Selecao zu Luiz Felipe Scolari, wie Brasiliens Nationaltrainer später erzählte. Am Tag der gewalttätigen Demonstrationen in Fortaleza sangen über 50.000 Zuschauer im Estadio Castelao die Nationalhymne und feierten ihre Mannschaft mit einer Inbrunst, also hinge davon die Zukunft des fünftgrößten Landes der Welt ab.

„Man konnte gar nichts anderes als eine Gänsehaut bekommen. Und wir haben uns gesagt, wir können gar nicht anders, als einfach nur zu rennen“, sagte Hulk. Der Angreifer von Zenit St. Petersburg bedankte sich nach der Partie gerührt beim Publikum - und auch bei „den Tausenden, die draußen sind. Sie sollen wissen, dass alle Spieler hier sie unterstützen.“ Hulk meinte damit natürlich die friedlichen Demonstranten gegen soziale Missstände und WM-Investitionen, die die Küstenstadt im Nordosten Brasiliens in einen Ausnahmezustand versetzt hatten.

Jeder im Stadion spürte, dass es an diesem Tag um mehr als nur Fußball ging. Selbst Scolari hatte sich den politischen Debatten nicht entzogen und sie am Tag vor dem Spiel mit eine bemerkenswerten Satz geprägt: „Die Selecao ist das Volk.“ Nach dem zweiten Sieg im zweiten Gruppenspiel kämpft der Gastgeber nun am Samstag in Salvador de Bahia gegen Italien um den Gruppensieg. Der sportliche Aspekt rückte jedoch angesichts der landesweiten Massenproteste der vergangenen Tage fast in den Hintergrund.

„Vielen Dank den Menschen in Fortaleza, dass sie uns in diesen Tagen so viel Herzlichkeit entgegengebracht haben“, meinte Scolari sichtlich bewegt. Eine Polizeieskorte hatte den Mannschaftsbus des fünffachen Weltmeisters weiträumig um die Demonstranten unweit des Stadions geführt.

„Protest nicht gegen die Selecao“

Auf den Rängen waren dann lediglich ein paar Plakate zu sehen. „Dieser Protest ist nicht gegen die Selecao, sondern gegen die Korruption“, war auf einem der Banner zu lesen. Die Nationalhymne war bereits abgespielt, da sangen die Menschen einfach weiter. „Mir hat es die Haare am ganzen Körper aufgestellt, das war bewegend. Wir haben uns alle umarmt“, schilderte Hulks Sturmpartner Fred die Szene. „Niemand gewinnt ein Spiel wegen der Hymne, aber das hat uns noch viel mehr motiviert.“

Euphorisch feierte das Publikum nach dem Abpfiff und Toren des neuen Superstars Neymar (9.) und des eingewechselten Jo (93.) den Titelverteidiger und sangen: „Eu sou Brasileiro. Com muito orgulho. Com muito amor“ - „Ich bin Brasilianer - mit viel Stolz, mit viel Liebe.“ (dpa, Reuters, TT.com)

drucken