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„Trayvon“ Obama

Obama über Trayvon Martin: „Das hätte ich sein können“

Selten hat sich ein US-Präsident derart persönlich geäußert wie Obama zu Trayvon Martin. Das Land ist bewegt. Aber werden den Worten auch Taten folgen? Das steht auf einem anderen Blatt.

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Von Gabriele Chwallek, dpa

Washington - Es war eine Rede, die nur Barack Obama halten konnte. Ein schwarzer Präsident spricht über die „rassischen Ungleichgewichte“ in den USA, die Vorurteile, denen viele Afroamerikaner heute immer noch ausgesetzt sind - Erfahrungen, die er einst selbst in seinem Leben machte. „Ich“ sagt er immer wieder, „wir“ und „mich“, „das ist auch mir passiert“. Und schließlich: „Trayvon Martin, das hätte ich vor 35 Jahren sein können.“

„Trayvon - das könnte mein Sohn sein“

Langjährige journalistische Beobachter in Washington sagen, dass sie selten einen Präsidenten erlebt haben, der derart persönlich geworden ist. Und selten einen, der nicht nur rhetorisch brilliert, wenn es um kämpferische Wahlkampfreden geht, sondern auch beim nachdenklichen Reflektieren.

Es war nicht das erste Mal, dass sich Obama zum gewaltsamen Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin in Florida äußerte. „Trayvon - das könnte mein Sohn sein“, sagte er im Frühjahr vergangenen Jahres, als der Fall erstmals hohe Wellen schlug. Jetzt, am Freitag, wird er selbst zu Trayvon - ein klarer Hinweis darauf, wie sehr ihn der Fall im Laufe der Zeit immer stärker persönlich aufgewühlt hat.

Und auch ein Hinweis darauf, dass Obama es am Vorabend landesweit geplanter Demonstrationen gegen den Freispruch des Todesschützen an der Zeit sah, selbst in die heftige Kontroverse einzugreifen. Ziel war es offensichtlich, sie in eine andere Richtung zu lenken, von Wut und Zorn hin zu einem Dialog darüber, was - bei allen Fortschritten im Kampf gegen die Diskriminierung von Minderheiten - noch immer faul ist in den USA.

Tatsächlich hat sich Obama im Amt bisher sichtlich um Zurückhaltung bemüht, wenn es um afroamerikanische Belange ging. Zwar hat er immer wieder auf gleiche Rechte für Minderheiten gedrungen - und sie manchmal auch erreicht.

Vorsichtig, wenn es um Schwarze geht

Jüngstes Beispiel: sein offenes Plädoyer für eine Stärkung der Homo-Ehe, am Ende durch das oberste US-Gericht verwirklicht. Aber wenn es um die Schwarzen geht, agierte er immer eher vorsichtig, „stets bemüht, als Präsident aller rüberzukommen“, wie es ein Kommentator des Senders CNN etwa am Samstag formulierte.

Obama sprach frei, ohne Teleprompter, das trug dazu bei, dass er als absolut ehrlich empfunden wurde. Oder wie es die „Washington Post“ formulierte: „Der Präsident stand einfach auf ... und sprach.“ Zugleich war er sichtlich darauf bedacht, den tragischen Tod des Jungen nicht zu politisieren.

Und das erklärt vielleicht auch, weshalb Obama in seiner Rede nicht einen einzigen konkreten Vorschlag machte, wie die dem Vorfall zugrundeliegenden Probleme beseitigt werden könnten. Ethnisch oder kulturell begründete Vorurteile lassen sich natürlich nur bedingt durch Gesetze bekämpfen. Aber bei Trayvon Martins Tod spielte auch Amerikas Waffenbesessenheit eine entscheidende Rolle. Ein Möchtegern-Polizist erschießt einen unbewaffneten Teenager, weil es in Florida - und nicht nur hier - ein Gesetz gibt, das zu Selbstjustiz ermutigt.

Obama sprach die Regelung „Stand Your Ground“ (etwa: „Steh Deinen Mann“) zwar an, aber nur vorsichtig: „Mir scheint, dass wir solche Gesetze untersuchen sollten.“ Weiter wagte er sich nicht vor.

Rassismus in USA nicht ausgelöscht

So gelang es dem Präsidenten zwar wahrscheinlich, die Amerikaner zumindest kurzfristig zum Nachdenken zu bringen. Vor allem den Schwarzen sagte er, worauf sie gewartet hatten: dass sie Recht haben, wenn sie beklagen, dass „Rassismus in den USA nicht ausgelöscht ist“, wie es Obama selbst formulierte. Aber in jenen Passagen, in denen der Demokrat nicht als Schwarzer, sondern als Präsident der Vereinigten Staaten sprach, blieb er eher vage.

Und daraus, so deutet es etwa die „Washington Post“ an, spricht auch eine gehörige Portion Resignation, Frust. Der Kommentar vergleicht Obamas Rede vom Freitag mit einer Wahlkampfansprache in Philadelphia im Jahr 2008. Damals die Forderung, dass auch das politische Washington durch Gesetze und Investitionen zur Überwindung der Diskriminierung beitragen müsse. Daraus habe die Überzeugung gesprochen, „dass das Land mit der richtigen Führung bereit ist, sich beim Thema Rasse vorwärtszubewegen“. Von diesem Optimismus sei heute nichts mehr zu spüren.

Tatsächlich hat Obama mittlerweile viele Schlachten verloren. Nicht direkt im Kampf gegen Rassismus, aber etwa im Kampf gegen die laxen Waffengesetze der USA. Schwarze sind laut Statistik überproportional häufig Opfer wie auch Täter. Wird Obamas Rede, der alle großen US-Medien applaudierten, das Land in diesem Punkt vorwärtsbringen? Bei aller Begeisterung und Ergriffenheit zog so mancher Kommentator in Zweifel, dass Obamas Worte weit über dieses Wochenende der Demonstrationen hinaus wirken werden.

Obamas Rede zum Fall Trayvon Martin

„Wie Sie wissen, habe ich gleich, nachdem Trayvon Martin erschossen wurde, gesagt, das hätte mein Sohn sein können. Ein anderer Weg, dies auszudrücken, ist, Trayvon Martin, das hätte ich vor 35 Jahren sein können. (...)

Es gibt sehr wenige afroamerikanische Männer in diesem Land, die nicht die Erfahrung gemacht haben, verfolgt zu werden, während sie in einem Kaufhaus einkauften. Das gilt auch für mich. Es gibt sehr wenige afroamerikanische Männer, die nicht selbst die Erfahrung gemacht haben, dass sie hörten, wie Autoschlösser verriegelt wurden, während sie auf der Straße liefen. Das ist mir passiert - zumindest bevor ich Senator wurde. Es gibt sehr wenige Afroamerikaner, die nicht die Erfahrung gemacht haben, dass, wenn sie in einen Aufzug stiegen, eine Frau ihre Handtasche umklammerte und nervös die Luft anhielt, bis sie aussteigen konnte. Das passiert häufig. (...)

Die afroamerikanische Gemeinde weiß, dass es in der Anwendung unseres Strafrechts eine Geschichte rassischer Ungleichheiten gibt - von der Todesstrafe bis hin zur Anwendung der Drogengesetze. Und das hat einen Einfluss darauf, wie Menschen diesen Fall deuten. Nun, das bedeutet aber nicht, dass afroamerikanische Gemeinden naiv sind, wenn es um die Tatsache geht, dass junge afroamerikanische Männer überproportional im Strafjustizsystem vertreten sind, dass sie überproportional sowohl Opfer als auch Gewalttäter sind. (...)

Und das alles, denke ich, trägt zu dem Gefühl bei, dass das Ergebnis und die Folgen von vorne bis hinten möglicherweise anders gewesen wären, wenn ein weißer Jugendlicher in so ein Szenario verwickelt gewesen wäre. (...)

Ich denke, es wäre hilfreich, einige unserer Gesetze auf bundesstaatlicher und Gemeindeebene zu prüfen, um zu sehen, ob sie nicht möglicherweise Streit, Konfrontation und Tragödien - wie wir im Fall Floridas gesehen haben - fördern, statt potenzielle Auseinandersetzungen aufzulösen.

Ich weiß, dass es Kommentare zur „Stand Your Ground“-Regelung (Notwehrgesetz im US-Staat Florida, wonach sich ein Mensch mit allen Mitteln wehren darf, wenn er sich bedroht fühlt) in Florida gegeben hat (...).

Wenn wir als Gesellschaft die Botschaft an unsere Gemeinden aussenden, dass jemand, der bewaffnet ist, potenziell das Recht hat, seine Schusswaffen zu nutzen - selbst wenn es für ihn einen Weg gibt, diese Situation zu umgehen - trägt das wirklich zu Frieden, Sicherheit und Ordnung bei, die wir uns wünschen? (...)

Und glauben wir wirklich, dass er (Trayvon Martin) berechtigt gewesen wäre, Mr. Zimmerman zu erschießen, der ihn in einem Auto verfolgte, weil er sich bedroht fühlte? Und wenn die Antwort auf diese Frage zumindest nicht eindeutig ist, dann scheint es mir, dass wir diese Art Gesetze untersuchen sollten. (...)

Wir müssen einige Zeit darauf aufwenden, darüber nachzudenken, wie wir unsere afroamerikanischen Jungen unterstützen und stärken können. Darüber reden Michelle und ich sehr viel. (...)

Und lassen Sie mich Ihnen noch einen abschließenden Gedanken mit auf den Weg geben. So schwer und herausfordernd diese ganze Episode für viele Menschen ist, möchte ich nicht aus den Augen verlieren, dass die Dinge besser werden. Jede nachfolgende Generation scheint Fortschritte zu machen, wenn es um Einstellungen gegenüber der Rasse geht. Das heißt nicht, dass wir eine post-rassische Gesellschaft sind. Es bedeutet nicht, dass Rassismus ausgelöscht ist. Aber wenn ich mit Malia und Sasha spreche, ihren Freunden zuhöre und sie miteinander sehe, (erkenne ich), sie sind bei diesen Themen besser als wir. sie sind besser darin, als wir einst waren. Und das gilt für jede Gemeinde, die ich in diesem Land besucht habe. (...)“ (dpa/tt.com)

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