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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 30.08.2013

Forum Alpbach

Lektionen für den reichen Teil der Welt

Mit Plädoyers für eine ge­rech­te­re Welt – vorgetragen von internationalen Spit­zen­po­li­ti­kern – endete am Samstag das Europäische Forum Alpbach.

Sicherheitsleute aus Tansania überprüften die Munition der Schützen, die zum Empfang des Staatsgastes aufmarschiert waren.Foto: Böhm

© Thomas Böhm / TT Sicherheitsleute aus Tansania überprüften die Munition der Schützen, die zum Empfang des Staatsgastes aufmarschiert waren.Foto: Böhm

Von Floo Weißmann

Alpbach – Der hohe Gast aus Afrika eröffnet betont freundlich. Jakaya Kikwete, Staatschef von Tansania, bedankt sich für den „warmen Empfang in diesem wunderschönen Land“ und betont die Erkenntnisse, die er durch die Gespräche in Alpbach gewonnen habe. Dann legt er los.

Vom Nutzen der Globalisierung sei der Großteil der Menschen ausgeschlossen, sagt Kikwete mit Blick auf Afrika. „Das ist nicht akzeptabel und darf so nicht weitergehen.“ Der Präsident liefert Beispiele – etwa den Klimawandel. Afrika produziere weniger als vier Prozent der Treibhausgase, sei aber am stärksten vom Klimawandel betroffen. Vor Tansania habe der steigende Meeresspiegel eine Insel überflutet. „Sie haben unsere Insel versinken lassen“, klagt er an.

Ähnlich der Befund zu den globalen Wirtschaftsstrukturen. Aus einem Kilo Baumwolle könnten zwei Hemden produziert werden, doziert Kikwete. „Warum sollen wir diese Hemden nicht selbst herstellen und davon profitieren?“ Er vergisst auch nicht zu erwähnen, dass die Agrarsubventionen des reichen Nordens den Bauern im armen Afrika schaden.

Die derzeitigen Strukturen der Globalisierung dienten nicht der Mehrheit der Menschen, fasst Kikwete zusammen. Und er fordert für die Zukunft mehr Respekt und Zusammenarbeit. Das vielfach junge Publikum im vollbesetzten Erwin-Schrödinger-Saal in Alpbach klatscht begeistert; und Franz Fischler, Präsident des Europäischen Forums, dankt für die „inspirierende und berührende Präsentation“.

Um Ideen für eine faire Globalisierung und die Rolle der Politik ging es zum Abschluss des diesjährigen Europäischen Forums. EU-Kommissionspräsident José Barroso hatte die Idee gehabt, in Alpbach eine Klausur von hochrangigen Persönlichkeiten abzuhalten – immerhin braucht die Welt neue Ziele, wenn im Jahr 2015 der Millenniumsplan der UNO ausläuft. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon sagte zu, musste sich aber wegen der Syrien-Krise von seiner Vize Valerie Amos vertreten lassen. Für Österreich war Bundespräsident Heinz Fischer – ein Alpbach-Veteran – dabei. Nach internen Gesprächen wandten sich Amos, Barroso, Kikwete und Fischer gestern an die Alp­bacher Öffentlichkeit.

„Wir sind die erste Generation, die es schaffen kann, extreme Armut auszuradieren“, sagt Amos für die UNO. Sie fordert auch ein verbindliches Klimaabkommen im Jahr 2015.

Nach ihr spricht Barroso von einem kritischen Punkt für die globale Führung und preist die europäische Integration als Modell für die Welt von morgen an. Er fordert die Zuhörer auf, dem „Sirenengesang des Protektionismus“ nicht zuzuhören und stattdessen auf offene Gesellschaften und offene Wirtschaft zu bauen. „Wir alle lieben unsere Länder, aber wir sind Teil der gesamten Menschheit.“

Bundespräsident Fischer kippt einen Teil seiner vorbereiteten Rede und nützt den Auftritt in Alpbach für eine Grundsatzerklärung zu Syrien, denn Frieden spiele bei der Globalisierung eine wichtige Rolle, wie er sagt. Unter spontanem Beifall aus dem Publikum bekräftigt Fischer die österreichische Position, dass vor der Debatte über einen Militärschlag der Bericht der UNO-Chemiewaffenexperten abgewartet werden müsse und dass es für den Konflikt keine militärische Lösung gebe.

Zugleich kritisiert Fischer die Idee, dass einzelne Staaten im Alleingang den Einsatz von Chemiewaffen bestrafen, wenn sich der Weltsicherheitsrat nicht darauf einigen kann. „Wer darf das und wer nicht?“, fragt er. „Wer entscheidet, ob die Gründe für einen Gegenschlag ausreichen?“ Es gebe keine bessere Lösung als den Weltsicherheitsrat, sagt Fischer.

Dann kommt er auf das Thema der Veranstaltung zurück und verspricht, dass auch Österreich engagiert an einer globalen Agenda für die Zeit nach 2015 mitarbeiten werde.