07.05.2012
International

Der Zar kehrt in den Kreml zurück

Zwei Monate nach der Wahl wird Putin wieder als Präsident Russlands vereidigt. Es ist der Schlussakt einer umstrittenen Rochade, bei der Amtsinhaber Medwedew auf den untergeordneten Platz des Regierungschefs wechselt.
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Das Zentrum der russischen Macht

Kreml. Der Kreml in Moskau ist die unumstrittene russische Macht- und Schaltzentrale: Die Festung aus dem 15. Jahrhundert dient als Amtssitz des Präsidenten. Früher regierten die Zaren von dem Gelände aus, das von einer mächtigen Mauer umgeben ist. Der seit 1990 als UNESCO-Welterbe geschützte Kreml ist mit seinen Kirchen und Museen auch ein wichtiger Teil des Kulturlebens der Hauptstadt. Nur ein Teil des etwa 28 Hektar großen Areals zwischen dem Fluss Moskwa und dem Roten Platz ist für Touristen freigegeben. Auch in anderen russischen Städten markiert solch eine mittelalterliche Burg das Zentrum.

Macht. In Russland bestimmt der direkt vom Volk gewählte Präsident als Staatsoberhaupt die Ausrichtung der gesamten Innen- und Außenpolitik. Faktisch sind ihm auch die Schlüsselressorts Justiz und Verteidigung untergeordnet. Der Kremlchef hat den Oberbefehl über die Streitkräfte inklusive der Atomwaffen. Er hat auch das Recht, den Ministerpräsidenten zu entlassen. Nach seinem Amtsantritt schlägt das Staatsoberhaupt dem Parlament seinen Regierungschef vor, der mit absoluter Mehrheit bestätigt werden muss. Die mehr als ein Dutzend Militär- und Sicherheitsorgane, darunter Armee, Polizei und Geheimdienste, berichten direkt an den Präsidenten.

Moskau – Wladimir Putin, seit mehr als zwölf Jahren in verschiedenen Positionen an der Macht, kehrt heute ins höchste Staatsamt zurück. Doch die feierliche Amtseinführung sorgt im Volk kaum für Hochstimmung. Im Gegenteil: Gestern demonstrierten wieder Tausende Putin-Kritiker in Moskau und es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Augenzeugen sprachen von blutigen Szenen und Hunderten Festnahmen.

Vielen Russen, die mehr demokratische Freiheiten wollen, bereitet die Dauerherrschaft Putins Unbehagen. Seine dritte Amtszeit als Präsident nach 2000 und 2004 dauert gemäß Verfassungsänderung nun erstmals sechs Jahre.

Nach den Massenprotesten gegen gefälschte Wahlen in den Wintermonaten hat der Kreml zwar einige Reformen auf den Weg gebracht. Ein Beispiel sind die 2004 abgeschafften und nun von Dmitri Medwedew kurz vor seinem Abschied als Präsident wieder eingeführten Gouverneurswahlen. Diese Reformen seien aber so verwässert, dass die Machtstrukturen kaum Konkurrenz fürchten müssen, meint der Politologe Nikolai Petrow vom Carnegie Center in Moskau.

Viele Menschen im größten Land der Erde mussten sich abfinden mit dem umstrittenen Ämtertausch, den das Machttandem Putin und Medwedew im September 2011 verkündet hatte. Auch beim Schlussakt dieser Rochade, bei der Putins politischer Ziehsohn Medwedew am 8. Mai ins untergeordnete Amt des Regierungschefs wechseln soll, sind die Russen nur Zuschauer. Gleichwohl ist eine Alternative zu Putin weiter nicht in Sicht.

Der Ex-Geheimdienstchef hat sich selbst immer wieder als Garant für Stabilität der Atom- und Energiegroßmacht positioniert. Nach den chaotischen 1990er Jahren mit Armut und Hunger habe er das am Boden liegende Riesenreich wieder auf die Beine gebracht, heißt es allenthalben. Dass dies dank hoher Ölpreise möglich und nicht nur allein Putins Verdienst war, verschweigt das Machtlager gerne.

Allerdings räumt auch das kremlkritische Magazin The New Times ein, dass das Land mit den drittgrößten Währungsreserven der Welt stabil dastehe und sich etwa das Durchschnittseinkommen von 2000 bis 2011 fast verzehnfacht habe auf 21.600 Rubel (rund 550 Euro).

20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, den Putin als größte globale Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnete, arbeitet er weiter an einem neuen Großmachtstatus. Als erste große Amtshandlung wird der Oberbefehlshaber der Streitkräfte die Militärparade am 9. Mai zum Tag des Sieges über Hitlerdeutschland abnehmen. Die Waffenschau gilt traditionell als Symbol der Verteidigungsstärke gegen Feinde aller Art.

Immer warnte Putin etwa die USA vor einem Alleingang bei ihrer in Europa geplanten Raketenabwehr, weil sich Russland dadurch in seiner Sicherheit bedroht sehe. Kurz vor seiner Amtseinführung drohte die Militärführung in Moskau nun auch erstmals mit einem Präventivschlag gegen die umstrittenen Anlagen.

Die Hoffnungen auf eine Änderung der Lage in Russland halten sich indes in Grenzen: Kritiker bemängeln, dass Putin schon 2000 versprochen habe, die Allmacht korrupter Bürokraten zurückzudrängen. Doch der Staatsapparat mit seiner Justizwillkür und Vetternwirtschaft nur noch weiter aufgebläht worden sei. Die Folge ist auch Kapitalflucht, weil Reiche ihr Geld lieber im Ausland anlegen.

Nach einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada erwarten viele Russen, dass Putin so lange an der Macht bleibt, wie er selbst will. Und er selbst kann sich auch noch zwei Amtszeiten bis 2024 vorstellen. „Wenn es so käme und es den Leuten gefällt, ist das normal (...)“, hatte Putin kurz vor der Wahl gesagt. (dpa, TT)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 07.05.2012
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