10.08.2012
Olympia

Die Stimmung ist am Gefrierpunkt

Das Österreich-Haus: Nie wurde dort lauter gelacht als in London; nie wurde dort weniger gefeiert als in London. Die Rolle des Gastgebers ist uns auf den Leib geschneidert, die des Olympia-Verlierers scheinbar auch.
Das schon als Rettungsboot titulierte Kanu-Duo Yvonne Schuring und Viktoria Schwarz konnte die übertriebenen Erwartungen nicht erfüllen. Da paddelt sie dahin, die letzte österreichische Medaillenhoffnung.Foto: gepa/Walgram
Foto: gepa/walgram

Von Florian Madl

London – Die Stimmung im Österreich-Haus zu London könnte nicht besser sein. Für heute bucht sich eine amerikanische Bank in die Tiroler Bauernstube mit Herrgottswinkel ein, ein vierstelliger Betrag winkt. Vorspeise, Hauptgang, Nachspeise, dazu freie Getränkewahl, das gefällt den Gästen. Die Österreicher können feiern, das merken hier unweit der Tower Hill 25.000 Passanten täglich. Warum gefeiert wird, das können sie nur vermuten: „Sie haben wohl gewonnen“, grinst Bill Hamilton, ein Würstlkäufer am Eingang der U-Bahn-Station, verlegen. Genau diese Höflichkeit ist es, die wir an den Briten so schätzen.

Der Gastgeber im Austria House Tirol, das Österreichische Olympische Komitee (ÖOC), kann finanziell erfolgreich bilanzieren, an einem der Après-Ski-Abende im Freien registrierte man einen in dieser Höhe niemals erwarteten Umsatz von 15.000 Euro. Also ein Gewinn, diese Sommerspiele. Und außerdem – angesichts ausbleibender Medaillenfeiern sparte man sich einiges: Zwar wird morgen eine der derzeit noch eingefrorenen Sachertorten angeschnitten, aber diesem Genuss liegt der Geburtstag eines Küchenmitarbeiters zugrunde. „Happy Olympics“ waren es bislang keine, erst gestern vergab eine österreichische Abordnung die letzte seriöse Medaillenchance. Platz fünf im Flachwasser-Kanu durch Yvonne Schuring/Viktoria Schwarz – wie ist das einzustufen?

„Wir sind nicht unzufrieden“, bilanziert ÖOC-Präsident Karl Stoss. Und es fällt dem Vorarlberger mittlerweile sichtlich schwer, seinen eigenen Worten Glauben zu schenken. Zu sehr klopften Medien sein 70-köpfiges Sportlerteam in den vergangenen Wochen weich: Ein Boulevard-Medium meinte, man sei „zu dumm“ und die „Olympiaversager“ würden Österreich drei Millionen Euro kosten. Eine Summe, die so nicht stimmt und zudem von Sponsoren übernommen wird: 1,1 Millionen operatives Budget, dazu eine Million Euro für das Österreich-Haus und weitere 800.000 Euro für die Einkleidung – auch daran lässt sich kein Olympia-Defizit festmachen.

Selbst der Sportminister Norbert Darabos fuhr ÖOC-Präsident Stoss zuletzt in die Parade – in einem Interview nach vier Olympia-Tagen hatte er manche Sportler als Olympia-Touristen bezeichnet! Er soll sich telefonisch dafür entschuldigt haben, aber gestern legte der Politiker nach: Er könne sich eine Arbeitsgruppe mit ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel an der Spitze vorstellen. Da platzte Stoss der Kragen: „Wir müssen was tun, aber was und mit wem, das suchen wir uns selbst aus.“ Darabos sei doch selbst nicht mehr als „Olympia-Tourist“ gewesen.

Was die Außenwirkung anbelangt, besteht zweifellos Aufholbedarf: Viele österreichische Sportler verwiesen nach ihrem erfolglosen Auftritt darauf, dass sie jetzt „London genießen“ und shoppen gehen wollen. Dass man im Olympischen Dorf endlich Party machen würde: Dort treffe man fremde Sportler, könne Pins sammeln und neben Sprintstar Usain Bolt Chicken Nuggets genießen. Die Akkreditierung berechtige zudem dazu, sich andere Bewerbe anzuschauen.

Ein sportlicher Vergleich mit den Sommerspielen 2008 in Peking stimmt durchaus betrüblich:

Drei Medaillen dort, keine hier.

Oder die Top-Ten-Plätze: 30 dort, zehn hier. Im Gegenzug war selten zuvor eine Olympia-Mannschaft jünger: Einzig der Altersschnitt der London-Delegation gibt Anlass zur Hoffnung, dass bei den Sommerspielen 2016 ein Medaillenvakuum ausbleibt.

Zumindest den lästigen Dopingkontrollen entgingen die österreichischen Sportler in London. Zwar wurde Schätzungen zufolge ein knappes Dutzend getestet, allerdings nur im Training, wie alle anderen Exoten auch. Und nach Wettkämpfen fällt das Los mit Gewissheit nur auf Medaillengewinner.

Die Stimmung im Österreich-Haus könnte besser sein. Denn so warmherzig wir als Gastgeber auch sind, in unserem Innersten geht es uns wie den gefrorenen Sachertorten im Keller.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Fr, 10.08.2012
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