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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 19.07.2013

TT-Interview

Wacker-Coach Kirchler: „Mein Team weiß, was zu tun ist“

Nach dem heroischen Klassenerhalt schlägt für Wacker am Sonntag (16.30 Uhr) in der ersten Bundesliga-Runde gegen Sturm wieder die Stunde null. Coach Roli Kirchler lebt die schwarzgrüne Leidenschaft vor.

Innsbruck – Kirchler hier, Kirchler dort. Der Tiroler Fußball drehte sich an der Spitze in den vergangenen Monaten vielfach um eine Person, die als Feuerlöscher in höchster Not im Dauereinsatz stand. Nach bzw. schon während dem Abstiegskrimi und Happy End in Wolfsberg musste sich der Wacker-Coach in seiner Personalunion als auch Sportdirektor um die schwarzgrüne Zukunft kümmern. Nach einer gelungenen Vorbereitung scheint das Puzzle zu passen. Und Kirchler wirkt nicht ausgebrannt, sondern brennt schon wieder für die Zukunft.

Müde oder glücklich, dass es schon wieder losgeht?

Roland Kirchler: Glücklich – in erster Linie ist die Freude immer noch riesengroß, dass wir oben sind. Mit einer guten Vorbereitung und dem ÖFB-Cup-Spiel in Allerheiligen (4:1) ist die Saison gut losgegangen. Wir wollen beweisen, dass wir gereift sind und das in der Tabelle auch sichtbar machen.

Messen Sie Sturms Nullnummer in der Europa-League-Quali Bedeutung zu bzw. was wissen Sie über den ersten Gegner mit vielen Neuen?

Kirchler: Die Partie in Island kann ich nicht einschätzen, ich beziehe meine Erfahrungswerte aus den Videos, die ich gesehen habe. Ich zähle sie in dieser Saison mit Neuerwerbungen wie Beric, Hadzic, Offenbacher, Djuricin, Beichler ... zu den Top drei, Sie werden noch besser, wenn sie eingespielt sind. Sie laufen als 60:40-Favorit am Sonntag im Tivoli auf.

Vorbereitung und ÖFB-Cup wecken aber Mut?

Kirchler: Vorbereitung ist Vorbereitung und immer ein eigenes Kapitel, das ich weder über- noch unterbewerten will. Auf jeden Fall haben wir viel Selbstvertrauen getankt, kämpferisch überzeugt und mit Leidenschaft gepunktet. Die wird man unter Roli Kirchler immer sehen. Inwieweit wir im Laufe der neuen Saison spielerisch überzeugen können, wird man sehen.

Ein guter Start ist die halbe Miete?

Kirchler: Ja und nein. Ja, weil einem niemand mehr die Punkte wegnehmen kann. Als Beispiel für das „Nein“ dient die Admira, die letzte Saison super gestartet ist und erst in letzter Runde gerettet war. Mit einem guten Start traue ich uns einiges zu, bei einem holprigen kann’s auch gleich wieder ein „Griss und Graff“ in den unteren Gefilden geben.

Sie haben das Amt als Wacker-Trainer letzte Saison nach elf Runden und mit nur drei Punkten im Keller übernommen. Im Sommer 2013 ist Ihre Handschrift bereits deutlich zu lesen.

Kirchler: Letzte Saison habe ich herausfiltern müssen, wer bereit ist, alles zu geben – wer gewillt und befähigt ist, mein System zu spielen. Man soll sehen, dass unser Spiel von Leidenschaft getragen wird.

Die Aufbruchstimmung wird durch das Pressing dokumentiert?

Kirchler: Ja. Alle müssen mitpressen. Wenn einer auslässt, haben wir ein Problem. Wir wollen auch auswärts früh stören, ganz egal gegen wen wir spielen – und wenn’s im Europacup gegen Valencia ist.

Junge Wilde wie Siller, Hinterseer oder Schütz haben sich unter Hochdruck im Abstiegskampf als tragende Säulen etabliert. So gesehen war der Klassenerhalt auch eine Sensation?

Kirchler: Es geht darum, sich nie aufzugeben und das habe ich ihnen vorgelebt. Auch wenn sich viele gedacht haben: „Der Kirchler hat einen Vogel.“ Weil ich immer und immer wieder in aussichtslosen Situationen gesagt habe, dass wir es packen. Die Jungs sind durch ein Stahlbad gegangen, das im Nachhinein das Beste für ihre Entwicklung war. Wir haben mit unserem Team viele Einzelgespräche geführt, Videos studiert und jetzt ein gutes Team gefunden. Mein Team weiß, was zu tun ist.

Das Korsett am Rasen scheint zu sitzen. Hoffentlich bleiben die Hiobsbotschaften am wirtschaftlichen Sektor aus?

Kirchler: Ich hoffe, es gibt nicht wieder ein Lizenztheater, aber so weit will ich nicht vorgreifen. Der Klub hat auf wirtschaftlicher Ebene ähnliche Aufgaben, wie wir sie vor einem Jahr am Rasen hatten. Ich will, dass der FC Wacker in Fußball-Österreich in jeder Hinsicht wieder respektiert wird. Bei der Bundesliga-Konferenz wurden wir schon einmal nicht bei den ersten Abstiegskandidaten erwähnt. Ein gutes Zeichen.

Weitere sportliche Träume?

Kirchler: Ein Schnitt zwischen fünf- und zehntausend Zuschauern, Platz im gesicherten Mittelfeld, der heimischen Talenten wie z. B. Kuen Möglichkeit gibt, sich zum Teamspieler entwickeln zu können wie einst ein Linzmaier, Streiter oder Hörtnagl.

Aufgrund ihrer Funktionssperre müssen Sie am Sonntag wieder auf der Tribüne Platz nehmen?

Kirchler: Für mich spielt das keine große Rolle mehr. Die Besprechung erfolgt ohnehin im Hotel und bis auf die Pausenansprache sind die fehlenden Anteile verschwindend klein. Ich will aber keinen Zirkus mehr deswegen machen und mich bis zum Ende der Sperre vorbildlich verhalten. Hoffentlich ist das Ganze dann mit vielen Punkten erledigt – dann bekommt der Flo (Klausner, Anm.) eine Prämie.

Wo werden Sie gegen Sturm im Tivoli sitzen?

Kirchler: Irgendwo auf der Westtribüne und erstmals mit meinem Sohn (Konstantin/5). Hoffentlich nimmt er mein Handy nicht in die Hand (lacht).

Das Gespräch führte Alex Gruber