25.12.2011
Formel 1

„Es weihnachtet sehr“ – nicht bei Toro Rosso

Beim Hauptsitz des Formel-1-Teams Toro Rosso in Faenza ist Weihnachten ein Tabuthema. Zumindest würde sich das Teamchef Franz Tost wünschen.

Aus Faenza: Daniel Suckert

Faenza – „Weihnachten ist etwas für Kleinkinder und Pensionisten“, erklärt Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost trocken. „Und zu beiden Gattungen gehöre ich nicht.“ Stille erfüllt sein Büro in Faenza. Aber nur kurz. Einen Moment später verschwindet der versteinerte Blick und ein Lächeln taucht im Gesicht des Tirolers auf. „Das kannst du ruhig so schreiben.“ Und auch, wenn sich der Boss gegen das weihnachtliche Fest auflehnt, der Firmenhauptsitz versprüht zumindest einen Hauch von Weihnachtsstimmung.

Ganz im Gegenteil zu den Straßen von Faenza. Denn wer durch die industrielle Kleinstadt fährt, der wird am Tag vor Weihnachten von drei Dingen überrascht: Grüne Wiesen, zehn Grad plus und einzelne Orangenverkäufer entlang der Hauptstraße. Die Herkunft der Früchte will man aufgrund der rötlichen statt orangen Farbe gar nicht wissen. Obwohl sich der Preis mit fünf Euro pro Kiste verführerisch liest.

Dass man beim Firmensitz einige Male vorbeifährt, hat vor allem mit der eigenen Vorstellung zu tun. Die Königsklasse ist das Größte im Motorsport – ergo müssen die Teams in wahren Palästen hausen. Falsch gedacht. Unspektakulär. Simple. Klein. Bei der einstöckigen weißen Hausreihe braucht man schon das Scuderia-Toro-Rosso-Zeichen, um die Gewissheit zu erlangen: Hier bin ich richtig.

In der Industriestadt selbst ist so gut wie gar nichts los. Ein Umstand, den vor allem Teamchef Tost genießt. Denn der 55-Jährige lebt die Königsklasse 24 Stunden am Tag. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.“ Da kommt das Weihnachtsfest besonders ungelegen: „Das ist ein Desaster für die Teams, weil es die Zulieferungen bis 9. Jänner sehr verzögert.“ Schließlich sind gerade der Dezember und der Jänner die Hauptarbeitszeiten für die Teams.

Nach Platz acht in der Teamgesamtwertung 2011 soll im kommenden Jahr eine weitere Verbesserung gelingen. Im Büro erklärt Tost sein Vorhaben. Das Büroinventar selbst passt zur Außenerscheinung: Pompöse Aufmachung? Fehlanzeige. Ein Laptop, ein Tisch, ein Fernseher und ein Besprechungstisch. „Aber Fortschritte gehen nur stufenweise.“ Geduld heißt das Zauberwort.

Beim Gang durch die einzelnen Abteilungen hat man das Gefühl, in einer Hightech-Fabrik gelandet zu sein. Es werden Modelle gefräst, Schicht über Schicht geklebt, Einzelteile am Computer berechnet, Skizzen gemalt und Teile zerstört. Zerstört? Tost: „Bestimmte Einzelteile werden an gewissen Stellen gebrochen, um die Auswirkungen auf die Schichten darunter zu überprüfen.“ Formel 1 ist eben höchste Wissenschaft mit höchstem Aufwand: „Die Königsklasse ist die Spitze. Alles andere ist Kindergarten“, formuliert Tost treffend.

In der Fabrik ist das Wichtigste: Die Theorie am Computer soll in der Praxis funktionieren. Die Schwierigkeit dabei: Ein Bolide besteht nicht aus vier, sondern 8000 Teilen. Und dann gibt es durch das Testverbot noch weniger Spielraum. Auch, wenn dadurch eine Kosten­einsparung gelungen ist: „Ein Testkilometer kostet 600 Euro. Eine Strecke ist fünf Kilometer lang. So verschlingst du mit einer Runde satte 3000 Euro. Das macht im Jahr knapp 10 Millionen Dollar.“

„Buon Natale“ – hallt es auch bei der Besichtigung in der letzten Halle von einem zum anderen Ende. Sosehr sich der Chef auch gegen Weihnachten wehrt, die Mitarbeiter lassen sich das Fest nicht nehmen. Immer wieder tauchen vereinzelte Weihnachtsaccessoires auf. Ein kleiner Baum da oder eine bunte Beleuchtung dort. „Da sitzt normalerweise unsere Presseabteilung drinnen. Keiner da, weil die sind natürlich schon im Weihnachtsurlaub“, kommt lächelnd der nächste Seitenhieb.

Und auch wenn das Fest bei Teamchef Tost nicht besonders beliebt ist: Vielleicht hilft ja ein verspäteter Brief ans Christkindl, um die Wünsche für die kommende Saison zu erfüllen. Schaden könnte es zumindest sicher nicht.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 25.12.2011
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