„Hätte mir Spiele gewünscht“
Steckbrief
Frau Vonn, Sie müssen bereits morgen den Weltcup-Slalom in Kranjska Gora bestreiten. Warum ist es für Sie trotzdem wichtig, sich Zeit für die Olympischen Jugendspiele zu nehmen?
Lindsay Vonn: Ich sehe es als Teil meines Berufes, den Skisport voranzutreiben und natürlich auch die jungen Athleten in meiner Rolle als Vorbildfunktion zu unterstützen.
Hätten Sie sich gewünscht, dass es solche Spiele auch schon in Ihrer Jugend gegeben hätte?
Vonn: Ich glaube, die Spiele bieten den jungen Sportlern eine einzigartige Gelegenheit, sich an die Rahmenbedingungen, die so ein Großevent mit sich bringt, zu gewöhnen. Damit haben sie die Chance, bei jedem weiteren Großereignis ihr sportliches Potenzial noch besser abrufen zu können. Ich hätte mir das für mich gewünscht.
Bereits dreimal durften Sie an Olympischen Spielen teilnehmen. Welche Erfahrungen konnten Sie in diesem Zeitraum für sich mitnehmen?
Vonn: Ich habe bei jeder Teilnahme sehr viel dazugelernt. Bei den ersten Rennen war ich bestimmt dreimal so nervös wie sonst. Und leider bin ich prinzipiell schon eher ein nervöser Typ. Erst bei der Abfahrt in Vancouver, da hatte ich mich gefangen. Noch nie war ich so entspannt in ein Rennen gegangen. Ich hatte das Gefühl, als ob alles zusammenlaufen würde, und wusste, dass ich bereit war zu gewinnen. So war es dann ja schließlich auch.
Welche Mittel und Wege haben Sie gefunden, mit Ihrer Nervosität gut umzugehen?
Vonn: Ich habe verschiedenste Sachen gemacht. Aber was mir hilft, ist Musik. Ich erstelle oft Play-Listen für bestimmte Events. Außerdem versuche ich, mich vor Ort nochmal ganz genau auf den Kurs zu konzentrieren und mich damit genau auf das Rennen einzustellen. Als Glücksbringer habe ich eine Kette von meinen Geschwistern bekommen, die mir viel bedeutet.
Für viele der jungen Athleten ist die Doppelbelastung Training und Schule eine große Herausforderung. Wie sind Sie damit umgegangen?
Vonn: Oh ja. Ich hatte große Probleme damit. Ich bin zwar in Vail in eine Ski-Akademie gegangen und konnte dadurch am Vormittag lernen und nachmittags Ski fahren. Trotzdem musste ich mich am Abend immer noch hinsetzen und lange lernen. Dazu hatte ich eine Weile Heimunterricht. Man verzichtet im Jugendalter schon auf viel, wenn man Skifahren auf hohem Niveau betreiben will.
Was raten Sie den jungen Leuten, die Sie auf diese Schwierigkeiten ansprechen? Wie haben Sie sich durchgekämpft, wenn es einmal nicht gut gelaufen ist?
Vonn: Es gab schwierige Zeiten. Durch meine ständigen Reisen nach Europa musste ich auf viel verzichten. Ich bin nicht zum Prom (Abschlussball, Anm. d. Red.) gegangen. Aber natürlich hatte ich auch viele Privilegien, die andere nicht haben. Nicht alle können die Welt bereisen. Nicht alle können das, was sie mit Leidenschaft tun, zu ihrem Beruf machen. Bei allen Abstrichen, die man macht, darf man nicht vergessen, was man zurückbekommt. Auch um das zu vermitteln, bin ich heute hier hergekommen.
Sie haben einen großen Bezug zu Tirol. Haben bereits in Kirchberg gelebt und sind mit dem US Team nun in Sölden stationiert. Was sagen Sie dazu, dass Innsbruck bereits die dritten Winterspiele und ersten Jugendspiele austrägt?
Vonn: Österreich war für mich immer ein spezieller Ort. Jeder respektiert das, was ich tue. Jeder weiß Bescheid. Es ist schön, so viel Anerkennung zu bekommen. Wo, wenn nicht mitten in den Bergen von Tirol sollten die ersten Jugend-Winterspiele ausgetragen werden?
Würden Sie sich in Ihrem Heimatland mehr Anerkennung für den Skisport wünschen?
Vonn: Ich denke, wir befinden uns auf einem guten Weg. Es ist in den letzten Jahren viel passiert und es ist immer noch alles in Bewegung. Ich werde mich weiter dafür einsetzen, dass der Skisport zu mehr Anerkennung gelangt.
An diesem Wochenende findet auch das legendäre Herren-Rennen in Kitzbühel statt. Würden Sie es begrüßen, wenn auch die Damen dort ihren Platz fänden?
Vonn: Ein richtiges Großevent wäre bestimmt auch für den Damensport förderlich. Aber man könnte so etwas bestimmt auch mit den Männern zusammenlegen.
Das Gespräch führte Ursula Pichler



