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Analyse zum Zinstief

EZB senkt Leitzins um 25 Basispunkte auf Rekordtief

Die Senkung des Leitzins in der EU ist ein Krisenzeichen. Die Rezession in Europa verschärft sich und selbst Deutschland ist – ungeachtet der Euphorie, die bei unseren Nachbarn ob ihrer „Stärke“ herrscht – derzeit gefährdet in ein Konjunkturtief zu kippen. Nun ist die Politik gefordert.

Brüssel, Berlin – Die Europäische Zentralbank (EZB) beschloss in ihrer Sitzung am Donnerstag in Bratislava die Senkung des Leitzins von 0,75 auf 0,50 Prozent. Damit ist Zentralbankgeld für Geschäftsbanken im Euroraum so günstig wie nie seit Einführung der gemeinsamen Währung. Der Einlagesatz, zu dem Banken Geld bei der EZB parken können, verharrt bei 0,0 Prozent. Der Satz für die kurzfristige Ausleihe von Liquidität wird von 1,5 auf 1,0 Prozent gesenkt. Mario Draghi, Chef der EZB, erläuterte die Gründe für die Senkung in einer Pressekonferenz.

Viele davon waren bereits im Vorfeld der Sitzung klar. Experten hatten – mit Blick auf die wirtschaftlichen Kennziffern – einen solchen Schritt mehrheitlich erwartet.

Draghi begründete dies mit der Wirtschaftskrise und der geringen Inflationsgefahr. „Die Lage am Arbeitsmarkt ist schlecht.“ Die pessimistischere Stimmung in der Wirtschaft habe sich zudem ausgedehnt. „Die Zinssenkung soll die Erholung im weiteren Jahresverlauf unterstützen“, sagte Draghi.

Er geht davon aus, dass es in der zweiten Jahreshälfte wieder bergauf geht. „Das Exportwachstum in der Eurozone sollte von der Erholung der weltweiten Nachfrage profitieren.“ Auch habe sich die Lage an den Finanzmärkten seit vergangenem Sommer entspannt, was nach und nach auch die Realwirtschaft stützen dürfte. Die Konjunkturrisiken seien aber immer noch groß.

Rezession und wenig Spielraum

Durch die sich erneut vertiefende Rezession in Europa wurde der Spielraum in den vergangenen Monaten immer enger. Am Ende blieben nur zwei Optionen: Entweder eine Zinssenkung, oder eine Abkehr von der Sparpolitik.

Das Problem mit der Zinssenkung ist, dass die Effekte immer geringer werden, je näher sich die Zinsen am Nullwert bewegen. Das Problem mit der Sparpolitik ist, dass sich diese negativ auf das Wachstum auswirkt. Sparen im Umfang eines Prozents des BIP bewirkt ein ähnlich hohes schrumpfen der Volkswirtschaftlichen Leistung.

Unter dem Strich bedeutet das, dass die EZB mit der Senkung defacto ihre Möglichkeiten beinahe ausgeschöpft hat. Nun ist die Politik am Zug, ihren Sparkurs in einen Wachstumskurs zu übersetzen ohne die Konsolidierung der Staatshaushalte nachhaltig zu gefährden.

Mario Draghi schloss allerdings eine weitere Zinssenkungen angesichts der schweren Wirtschaftskrise in der Eurozone nicht aus. „Wir sind zum Handeln bereit“, sagte der Chef der Europäischen Zentralbank. „Wir werden uns sicher alle neuen Daten anschauen.“ Ein Blick wird dabei aber auch auf den Maßnahmen der europäischen Politik ruhen. Zu zaghafte Schritte in Richtung Wachstumsmaßnahmen dürften ein neuerliches Einschreiten der EZB notwendig machen. (tt.com)