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Größte US-Städtepleite

Nur Kriminalität boomt: Autostadt Detroit nach Niedergang nun pleite

Einst bekannt für seine blühende Autoindustrie, ist Detroit im Bundesstaat Michigan finanziell am Ende. Die „Motor City“ ächzt unter einem Schuldenberg von 18,5 Milliarden Dollar. Viele öffentliche Dienste, wie etwa die Straßenbeleuchtung, funktionieren nicht mehr. Nach einem Notruf muss man fast eine Stunde auf die Polizei warten.

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Detroit - Misswirtschaft, Rezession, Autokrise, Bevölkerungsschwund, Steuereinbußen, Kriminalität: Die einst blühende US-Autometropole Detroit ist pleite und hat als erste US-Metropole nun offiziell Konkurs angemeldet. Es ist der größte Bankrott einer Großstadt in der US-Geschichte. Der Gouverneur des US-Bundesstaates Michigan, Rick Snyder, teilte am Donnerstag mit, dass der Bankrott die einzige vernünftige Alternative gewesen sei. Detroit hat Schulden von schätzungsweise 18,5 Milliarden Dollar angehäuft.

Detroit war zuletzt kaum fähig, die Kosten für die Straßenbeleuchtung zu zahlen. Viele öffentliche Dienste funktionieren nicht mehr, Einsätze von Polizei und Feuerwehr wurden auf die wichtigsten Notrufe reduziert.

„Stadt kann ihre Schulden nicht mehr bezahlen“

Gouverneur Snyder hatte im März den Sanierungsexperten Kevyn Orr eingesetzt, der mit umfassenden Befugnissen ausgestattet wurde, um der desolaten Finanzlage in Detroit Herr zu werden. Er habe gehofft, die Stadt würde keinen Bankrott anmelden müssen, erklärte Snyder. Nun sei es aber an der Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen: „Die Stadt kann ihre Schulden nicht mehr bezahlen, wenn sie fällig werden, und ist insolvent“.

Die Stadt steckt trotz einer Erholung der in der Region beheimateten Auto-Konzerne General Motors und Ford in einer tiefen Krise. Die Ausgaben zum Betrieb der städtischen Dienste überstiegen seit 2008 die Einnahmen jährlich um etwa 100 Millionen Dollar. Zudem zehren Zahlungen für langfristige Verbindlichkeiten fast 20 Prozent des jährlichen Haushalts auf.

Darüber hinaus belasten milliardenschwere Pensionsverpflichtungen die Stadtkasse. Im Juni wurden die Zahlungen an die Gläubiger eingestellt. Snyders Angaben zufolge kann die Stadt die Steuern aus rechtlichen Gründen nicht weiter erhöhen. Ohnehin könnten die Bürger nicht noch höhere Abgaben schultern, erklärte der Gouverneur.

Jahrzehntelanger Niedergang

Autobauer wie General Motors, Ford und Chrysler verhalfen der Stadt zur Blüte. Doch die scharfe Konkurrenz aus Japan, Fehlentscheidungen in den Unternehmen und Misswirtschaft in der Stadtverwaltung ließen Detroit in einem „60 Jahre andauernden Niedergang“ abstürzen, wie Snyder den Verfall der Stadt bezeichnete.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die „Motor City“ Amerikas Boomtown. 1950 hatte Detroit noch 1,8 Millionen Einwohner und war die viertgrößte US-Stadt. Heute leben dort noch rund 685.000 Menschen, davon ein Drittel in Armut. Die Autoindustrie verlagerte ihre Standorte, viele Fabriken schlossen, die Arbeitslosigkeit schoss ebenso in die Höhe. Heute stehen in Detroit 78.000 Gebäude leer, 40 Prozent der Straßenlaternen funktionieren nicht.

Nur noch die Kriminalität „boomt“

Statt der Industrie „boomt“ in Detroit nur noch die Kriminalität. Die öffentliche Ausgaben für Polizei, Feuerwehr oder Rettung wurden immer weiter gekürzt. Weil das Geld für Reparaturen fehlt, fährt nur ein Drittel der Rettungswagen. Wie Gouverneur Snyder in seinem Schreiben erklärte, müssen die Bürger in Detroit nach einem Notruf durchschnittlich 58 Minuten auf die Polizei warten - landesweit liegt der Durchschnitt bei elf Minuten.

2012 erlebte Detroit das schlimmste Jahr seit Jahrzehnten: Mit 411 Tötungsdelikten, fast genauso viele wie im zwölfmal größeren New York. Nur 8,7 Prozent aller Kriminalfälle werden gelöst, die Polizei ist überfordert und unterfinanziert.

Diese erschreckenden Zahlen finden sich auch in dem Insolvenzantrag. „Viele werden dies als den Tiefpunkt in der Geschichte der Stadt sehen“, schrieb Snyder in seinem Begleitbrief. „Ich finde, dass es auch die Grundlage für die Zukunft der Stadt wird.“ (tt.com, dpa, Reuters)

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