18.04.2012, 15:04  Aktualisiert: 18.04.2012, 17:18 
Erfolgreiches Pilotprojekt

Anonyme Bewerbungen: Mehr Chancen für Frauen und Ausländer

Nachdem ein Pilotprojekt bei mehreren großen Firmen in Deutschland erfolgreich verlief, fordert SOS Mitmensch die flächendeckende Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren. Arbeitgeber äußerten sich jedoch skeptisch.
Chancengleichheit und Integration könnten durch anonymisierte Bewerbungsverfahren gefördert werden, meint die Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch.
Foto: Volkmar Schulz / Keystone

Wien/Berlin - Die Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch fordert die schrittweise flächendeckende Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren sowohl im öffentlichen Bereich als auch bei privaten Unternehmen. Damit würden Chancengleichheit und Integration gefördert, weil mehr auf die Qualifikationen der Bewerber gesetzt würde und weniger auf Vorurteile, argumentiert die Organisation am Mittwoch in einer Aussendung und verweist auf ein Pilotprojekt in Deutschland.

Dort habe sich gezeigt, dass bei anonymisierten Bewerbungsverfahren sowohl Frauen als auch Menschen mit einem als „fremdländisch“ wahrgenommenen Aussehen oder Namen deutlich bessere Chancen hätten, zu einem persönlichen Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden.

Prominente Firmen nahmen teil

Am dem Modellprojekt in Deutschland hatten sowohl Unternehmen (Deutsche Post, Deutsche Telekom, L‘Oreal, Mydays, Procter & Gamble) als auch staatliche Stellen (Familienministerium, Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen, Stadtverwaltung von Celle) teilgenommen.

Bewerber mit türkischen Namen oder Frauen mit Kindern wurden demnach bei anonymisierten Bewerbungsverfahren häufiger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen als bei konventionellen Ausschreibungen, wie die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, berichtete. Besonders das Foto in den Bewerbungsunterlagen lenke häufig von der eigentlichen Qualifikation ab. „Ist die erste Hürde genommen und der Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen, kann er besser seine Qualifikationen deutlich machen.“

Arbeitgeber äußern sich skeptisch

Arbeitgeber äußerten sich skeptisch. Die Unternehmen seien viel weiter, als es der Ruf nach anonymisierten Bewerbungen weismachen wolle, hieß es in einer Stellungnahme. „Arbeitgeber sind in Zeiten wachsenden Fachkräftemangels auf die Potenziale und Talente aller Mitarbeiter angewiesen.“ Schon allein deshalb könne es sich kein Unternehmen leisten, geeignete Bewerber nach unsachlichen Kriterien auszusortieren.

Das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) hatte die wissenschaftliche Auswertung übernommen. Besetzt wurden 246 Stellen. Dafür gab es 8550 Bewerbungen. Auch machten die Firmen freiwillig bei dem Projekt mit. Die meisten hatten sich auch zuvor schon mit Methoden einer unkonventionellen Personalauswahl hervorgetan.

Genutzt wurde überwiegend ein standardisiertes Formular, in dem nur Hinweise zur Qualifikation eingetragen werden mussten, aber auch klassische Bewerbungen, in denen die persönlichen Angaben geschwärzt wurden. Pläne, das Verfahren in Gesetzesform zu gießen, gibt es Lüders zufolge nicht. Nach Abschluss des Modellprojekts wollen einige Beteiligte am anonymisierten Bewerbungsverfahren festhalten.

Die deutsche Regierung wird aus dem Projekt vorerst keine gesetzlichen Konsequenzen ziehen, anonymisierte Bewerbungsverfahren bleiben ein freiwilliges Angebot. Die Antidiskriminierungsstelle versteht das Projekt als Anregung.

SOS Mitmensch fordert Regierung zum Handeln auf

SOS Mitmensch fordert die österreichische Regierung dazu auf, als ersten Schritt bis Ende 2012 die verpflichtende Anonymisierung von Bewerbungsverfahren im öffentlichen Bereich einzuführen. Gleichzeitig solle es eine Informations- und Beratungskampagne für private Unternehmen geben. In einem zweiten Schritt soll auch auf private Unternehmen der Druck erhöht werden, diskriminierungsfreie Bewerbungsverfahren einzuführen.

Der Verzicht auf persönliche Angaben bei Bewerbungen ist vor allem im englischsprachigen Raum (USA, Großbritannien, Kanada) seit Jahrzehnten üblich. Anonymisierte Bewerbungsverfahren wurden zudem in verschiedenen europäischen Ländern erprobt, so in Schweden, den Niederlanden, in der Schweiz, Frankreich und Belgien. Aus der Schweiz wurde berichtet, dass ausländische Jugendliche deutlich höhere Chancen auf eine Lehrstelle hatten, wenn sie sich anonym bewarben. (TT.com, APA/dpa/AFP)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mi, 18.04.2012  15:04
aktualisiert: Mi, 18.04.2012  17:18
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