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Wirtschaftspolitik

Freier Fall der Lira: Türkische Wirtschaft auf Schlingerkurs

Die Ankündigung der US-Notenbank, ihre Geldpolitik lockern zu wollen, setzt die Währungen mehrerer Schwellenländer unter Druck. Besonders hart trifft es derzeit die Türkei.

Die Lira verlor seit Jahresbeginn mehr als 8,7 Prozent gegenüber dem Dollar.

© EPA Die Lira verlor seit Jahresbeginn mehr als 8,7 Prozent gegenüber dem Dollar.

Wien - Der mögliche Militäreinsatz in Syrien treibt die Ölpreise in die Höhe und setzt die türkische Lira weiter unter Druck. Die Notenbank des Landes versucht seit Tagen gegenzusteuern, indem sie Devisenreserven auf den Markt pumpt. Die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik bemühen sich um Schadensbegrenzung.

„Der Währungskurs ist nicht länger ein Indikator für allgemeine Aussichten auf die türkische Wirtschaft“, überraschte der stellvertretende türkische Ministerpräsident Ali Babacan gestern in einer Erklärung vor Journalisten. Man erlebe seit drei Monaten im Hinblick auf die Weltwirtschaft eine neue Phase. Zum Glück sei man aber budgetseitig sicher aufgestellt um diesen „Sturm auf dem Weltmarkt“ zu überstehen.

Wirtschaftsminister Zafer Caglayan bemühte sich die Tage ebenfalls um Zweckoptimismus und betonte, „das Überschreiten der psychologischen Grenze von über zwei Lira pro Dollar bedeutet nicht das Ende“. Seiner Ansicht nach brauche es kein Einschreiten der türkischen Zentralbank, um gegen den hohen Dollarkurs vorzugehen. Zwar sehe er die Bemühungen einer Zinslobby, die Zinsen weiter in die Höhe zu treiben, aber die türkische Wirtschaft, „steht wie ein Fels“, betonte er.

Auch der Wissenschafts- und Industrieminister Nihat Ergün legte nach und bekräftigte, es gebe keinen Grund zur Panik. Eine Rückkehr zu einem Wert von 1,90 Lira für den Dollar bis Ende des Jahres sei nicht schwierig.

Einige türkische Medien orten „die Zinslobby“ hinter dem Dollarhoch um die türkische Wirtschaft zu Fall zu bringen. Eine Gerücht, das der „Hürriyet“-Journalist Metehan Demir ätzend so kommentierte: „Wenn eine solche Lobby existiert, wäre die US-Fed an ihrer Spitze“, erklärte er gegenüber CNN Türk.

Wie Energieminister Taner Yildiz gestern in Ankara bekannt gab, hat der Ölpreisanstieg in den vergangenen Wochen der Türkei hingegen bereits 300 Mio. Dollar an Mehrausgaben aufgebürdet. Nicht zuletzt müsse das Land Öl in ausländischer Währung einkaufen, aber in türkischer Lira verkaufen, sagte der Energieminister.

Als Reaktion hat die Regierung den Benzinpreis am 29. August neuerlich um 14 Kurus (auf 5,16 Lira pro Liter), Diesel um 17 Kurus (auf 4,60 Lira pro Liter) anheben müssen. Die Preise für Elektrizität sollen zumindest im September gleich bleiben, wurde versichert. Durch den Wertverlust der Lira und als Folge des hohen Ölpreises muss in den nächsten Wochen und Monaten aber mit weiteren Preiserhöhungen bei Strom, Gas, Lebensmitteln und Konsumgütern gerechnet werden. Gleichzeitig setzt der Sturzflug der Lira die türkische Wirtschaft bei der Güterproduktion unter Druck.

Die Lira erreichte zu Wochenbeginn ein Rekordtief von über zwei Lira pro Dollar. Seit Beginn des Jahres hat sie mehr als 8,7 Prozent verloren. Die türkische Zentralbank hat im Kampf gegen den Kursverfall der Landeswährung den Leitzins am 20. August bereits den zweiten Monat in Folge angehoben. Für Übernachtkredite müssen die Banken nun einen Zins von 7,75 Prozent zahlen, 0,5 Prozentpunkte mehr als zuvor. Mit Stichtag 2. September (der 30. August ist offizieller Feiertag in der Türkei) hat die Zentralbank 50 Mio. Dollar an Devisen verkauft.

Die Ankündigung der US-Notenbank Fed, demnächst mit dem Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik zu beginnen, hatte in den vergangenen Wochen die Währungen der Schwellenländer unter Druck gesetzt. (APA)