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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 17.05.2013

Cross Border: Tiwag könnte mehr als die Hälfte auflösen

Für den Energieversorger Tiwag bietet sich die Gelegenheit auszusteigen. Rund 30 Mio. Euro müssten wohl vom Barwertvorteil zurückgezahlt werden.

Von Peter Nindler

Innsbruck – Amerikanische Investoren nutzten Ende der 1990er-Jahre und Anfang der 2000er-Jahre die sich ihnen bietenden Steuer-Schlupflöcher. Mit europäischen Unternehmen wurden langfristige Leasingverträge über Infrastruktureinrichtungen abgeschlossen, die heimischen Gesellschaften mieten sie wieder zurück. Mit höchstkomplexen Finanzkonstruktionen wurden diese Cross-Border-Geschäfte (CBL) auch mit dem Landesenergieversorger Tiwag abgewickelt. Von den Steuervorteilen lukrierte die Tiwag etwa 200 Millionen Euro. Der Wert aller Verträge wurde mit mehr als drei Milliarden Dollar beziffert.

Doch seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise will die Tiwag raus aus den zwischen 2001 und 2003 abgeschlossen Verträgen für 14 Kraftwerke und Teile des Stromnetzes. Denn die Besicherung der Depots für die Rückmieten kostet inzwischen fünf bis sechs Millionen Euro jährlich.

Nachdem ein Ausstieg 2010 für einen Bereich des Stromnetzes gelungen ist, bietet sich jetzt allerdings die größte Chance. Aufgrund geänderter steuerlicher Rahmenbedingungen und Strafzahlungen möchte der größte US-Investor die Cross-Border-Geschäfte beenden. Die Laufzeit der Hauptmietverträge beträgt meistens mehr als 90 Jahre, die der Rückmietverträge zwischen 25 und 36 Jahre.

Der US-Konzern Pepco, der mehr als die Hälfte von Sellrain/Silz sowie weitere sechs Tiwag-Kraftwerke über seine Tochtergesellschaften geleast hat, möchte die Verträge auflösen. Das würde mehr als die Hälfte des Volumens der CBL-Geschäfte der Tiwag betreffen. Rund 40 Prozent von Sellrain/Silz würden noch beim zweiten US-Trunst bleiben.

Der Barwertvorteil bei den CBL-Deals mit Pepco betrug offenbar 120 Mio. Euro, rund 25 Prozent, also 30 Millionen Euro, dürften wohl an die US-Investoren zurückfließen. Das wird als günstig bewertet, man will das Zeitfenster rasch nützen. „Derzeit steht die Tiwag in intensiven Verhandlungen mit einem weiteren US-Investor über ein einvernehmliches Ausscheiden aus anderen CBL-Transaktionen“, teilte die Tiwag nach der gestrigen Aufsichtsratssitzung mit. Der Aufsichtsrat sei über den Verhandlungsstand informiert worden und habe diesen zustimmend zur Kenntnis genommen. Aufgrund der strengen Vertraulichkeitsklauseln wurden keine Details bekannt gegeben. Die Tiwag will jedoch bis zum Sommer die Verhandlungen abschließen.

Gegenüber US-Medien hat der Chef des Energiekonzerns Pepco, Joseph Rigby, Anfang Mai erklärt, dass er die Cross-Border-Geschäfte mit Energiekonzernen noch im heurigen Jahr auflösen möchte.