12.09.2011
Innsbruck Land

Leidenschaft Literatur

Das 9. Sprachsalz-Festival in Hall glänzte mit Vielfalt: Das Nahe verband sich mit dem Fernen, Entspannung mit Ernsthaftigkeit und das Wasserglas mit dem Whiskyglas.
US-Dichter Gerald Stern matcht sich mit seinem deutschen Sprachrohr.
Foto: TT / Julia Hammerle
     

Von Sabine Strobl

Hall – „Man kann nicht verlangen, dass Autoren auch Schauspieler sind“, sagt Alban Nikolai Herbst, Überraschungsgast bei Sprachsalz, während der sonntäglichen Diskussion zu „Literatur heute – zwischen Tradition und Tamtam“. Doch die Art des Vortrags ist in Multimediazeiten wichtig geworden. Mit ihm und Moderatorin Barbara Renno plaudern Monica Cantieni und Katrin de Vries. Beide Autorinnen brechen eine Lanze für die klassische Lesung mit Wasserglas, das Kollege Herbst schon einmal durch ein Whiskyglas ersetzt. „Der Text sollte genug Imaginationskraft haben, dass es nicht mehrere Medien braucht, um ihn vorzustellen“, erklärt de Vries. Die deutsche Autorin hat mit der Künstlerin Anke Feuchtenberger eine Bildgeschichtenserie („Die Hure H“) begonnen. Aber auch daraus lese sie einfach vor. Das Publikum wolle seine „Autoren sehen und live erleben“, meint Cantieni zur regen Lesetätigkeit der Autorenschaft. Herbst mahnt da jedoch Autonomie und Geniekult ein. Zum „Entertainer“ müsse der Autor nicht werden. Nicht überraschend schwenkt die Diskussion aufs Internet, das wie bei der Musik eine wichtige Säule der Vermittlung ist. Diesbezüglich wollen die anwesenden Autoren das Urheberrecht aufgelockert sehen. Auf der einen Seite gebe es wenigstens einen Vertrag, der die Nutzung klarstellt (de Vries), auf der anderen Seite verhindere Urheberschutz die Wahrnehmung eines Buches (Cantieni). Verdienen würden beim Urheberrecht die Stars und Verlage, weniger das Gros der Autoren, fügt Herbst hinzu.

Die Literaturszene experimentiert derzeit mit den Formen der Präsentation. Davon konnte sich das Publikum am Wochenende bei den „9. Internationalen Literaturtagen“ in Hall ausgiebig überzeugen. Die klassische Lesung und Gesprächsrunden sind gefragt, Vortragskünstler sowieso und witzige Auseinandersetzungen mit Text auch. Für Letzteres bot die Galalesung am Samstagabend ein besonders gelungenes Beispiel. Das Schweizer Duo Ohne Rolf bleibt während seiner Lesung stumm und kommuniziert über Plakate. Wobei Ohne Rolf einen Druckfehler auch zurechtschütteln kann und nicht nur Redewendungen wie ein „Buch verschlingen“ im Wortsinn umsetzt.

Den Organisatoren des Festivals ist es auch heuer gelungen, Tirol mit dem Rest der Welt zu vernetzen. So stellte Irene Prugger ihren neuen Erzählband „Letzte Ausfahrt vor der Grenze“ vor, während Norbert Gstrein auf Heimbesuch ein Potpourri öffnete. Der Rest der Welt waren dank Elias Schneitter und Heinz D. Heisl auch wieder ein paar Amerikaner, die zeigen, wie faszinierend die US-Literatur etwas abseits der Erzählstars ist. Gerald Stern neckt seinen Übersetzer Thomas Gassner mit einer „Cigar Box“. In dem Text raucht der Dichter mit den Obdachlosen auf der Straße Zigarren und für einen Augenblick waren sie „Visionäre“. Berührend ist Maketa Groves bildschöne Suche nach Namen und afrikanischer Weisheit. Literatur eignet sich auch zum Chillen, so gesehen am Sonntagnachmittag auf der heißen Terrasse im Parkhaus-Hotel. Auch wenn US-Dramatiker Martin Crimp erzählt, dass die Frage „Was wirst du schreiben?“ bei ihm die Wirkung eines Zahnarztbohrers hat. Schön war‘s.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 12.09.2011
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