14.11.2011, 14:33  Aktualisiert: 14.12.2011, 10:32 
Rechtsterroristen in Deutschland

Chronologie einer grausamen Verbrechsensserie

Fast 13 Jahre leben sie in im Untergrund, richten - nach bisherigen Erkenntnissen - zehn Menschen eiskalt hin. Erst ein missglückter Banküberfall bringt die deutsche Polizei auf die Spur einer rechtsradikalen Terrorzelle.
1998 veröffentlicht die Polizei die Fahndungsbilder von Beate Z., Uwe B. und Uwe M. 2003 werden die Ermittlungen gegen das Trio wegen Verjährung eingestellt.
Foto: dapd

Berlin – Die Blutspur zieht sich von Hamburg bis München: Acht Türken, ein Grieche und eine junge Polizistin aus Heilbronn werden am helllichten Tag kaltblütig erschossen. Fast elf Jahre jagt die deutsche Polizei ein Phantom. Die Lösung der unheimlichen Mordserie kommt mit einem Knall: In einem ausgebrannten Wohnmobil und in den Trümmern eines explodierten Hauses fanden die Ermittler die Hinweise, die eine der mysteriösesten Mordserien in der deutschen Kriminalgeschichte klärt. Die mutmaßlichen Täter: drei skrupellose Neonazis, die als Terroristen agierten.

Bombenlabor in Jena

In den neunziger Jahren tauchen Uwe B., Uwe M. und Beate Z. in der Neonazi-Szene auf. Sie werden Mitglieder des „Thüringer Heimatschutzes“. 1997 gerät das Trio zum ersten Mal ins Visier der Fahnder – so wie etliche weitere Mitglieder der rechtsradikalen Gruppierung. Sie sollen unter anderem eine Puppe mit gelbem Davidstern an einer Autobahnbrücke nahe Jena aufgehängt haben. Nach der Vernehmung werden die drei aber wieder freigelassen.

1998 hebt die Polizei in Jena eine Bombenwerkstatt aus. In einer Garage, die Beate Z. angemietet hat, werden funktionsfähige Rohrbomben und 1,4 Kilo des Sprengstoff TNT gefunden. Das Trio - damals 20, 23 und 24 Jahre alt - verschwindet von der Bildfläche. Ein Jahr später beginnt eine Serie von Banküberfällen in mehreren ostdeutschen Bundesländern. Die Taten werden später Uwe B. und Uwe M. zugerechnet.

Im Untergrund gründen die beiden Männer gemeinsam mit Beate Z. die Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU).

Die „Döner-Morde“

Am 9. September 2000 der erste Mord: Es ist heller Tag, als ein Unbekannter bei einem Nürnberger Blumengeschäft auftaucht. In einer Plastiktasche trägt er eine Waffe – eine Ceska 83 mit Schalldämpfer. Eiskalt drückt der Mann ab, schießt dem türkischen Blumenhändler mitten ins Gesicht. Bis April 2006 folgen noch acht weitere Morde – immer nach demselben Muster, immer mit derselben Waffe. Die Opfer: achte Türken und ein Grieche, Inhaber kleiner Geschäfte. Die Tatorte ziehen sich quer durch Deutschland, drei Morde werden in Nürnberg verübt, zwei in München, je einer in Kassel, Hamburg, Rostock und Dortmund. Bundesweit sucht die Polizei nach Hinweisen in den so genannten „Döner-Morden“ – ohne Erfolg.

Zeitgleich sucht das Thüringer Landeskriminalamt (LKA) bis 2003 im In- und Ausland nach dem flüchtigen Neonazi-Trio. Auch Zielfahnder werden eingesetzt. Es gebe keine Hinweise auf organisierte Unterstützung aus der rechten Szene, sagt ein LKA-Sprecher. Noch im selben Jahr stellen die Behörden ihre Ermittlungen ein - wegen Verjährung. Das Innenministerium in Erfurt teilt mit, dass auch der Thüringer Verfassungsschutz vergeblich nach dem Aufenthaltsort der als „Bombenbauer von Jena“ bekannten Neonazis gesucht habe.

Die Jagd nach dem Phantom nach einem Polizistenmord

Fast genau ein Jahr nach dem letzten Mord an einem Migranten erschüttert eine weitere Bluttat ganz Deutschland. Eine 22 Jahre alte Polizistin wird im April 2007 in ihrem Streifenwagen mit einem Kopfschuss regelrecht hingerichtet. Ihr Kollege wird schwer verletzt. Die Dienstwaffen der beiden Beamten verschwinden spurlos.

Am Tatort werden DNA-Spuren einer Unbekannten Frau gefunden. Ihr genetischer Fingerabdruck taucht in den kommenden Jahren bei mehr als 35 Verbrechen wieder auf – vom Mord bis zum Einbruch. Doch wie sich herausstellt, jagt die Polizei fast zwei Jahre ein Phantom. Denn es handelt sich um die DNA einer unbescholtenen Arbeiterin. Sie ist bei einer Firma tätig, die Wattestäbchen produziert, die auch von den Ermittlern benutzt werden. Beim Verpacken geraten die Spuren der Frau auf die Stäbchen.

Ein ausgebrannter Wohnwagen und eine Explosion

Die Wende in den Ermittlungen kommt am 4. November. Nach einem missglückten Banküberfall werden die Leichen der mutmaßlichen Täter in ihrem ausgebrannten Wohnmobil gefunden. Es sind Uwe B. und Uwe M. Laut Polizei haben sie sich selbst erschossen. Wenig später explodiert ein Wohnhaus in Zwickau. Die Wohnung, in der die beiden Männer mit Beate Z. leben, geht in Flammen auf. Die 36-Jährige wird gesehen, wie sie kurz vor der Explosion aus dem Haus läuft.

Im Wohnwagen finden die Ermittler die Dienstwaffen der Heilbronner Polizisten. Unter den Trümmern des Hauses die Waffe, mit der die „Döner-Morde“ verübt worden sind.

Außerdem stößt die Polizei auf eine DVD mit einem Geständnis der beiden toten Bankräuber. Die beiden Terroristen erklären laut „Spiegel“ in einem 15 Minuten langen Film, ihre Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ sei ein „Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz Taten statt Worte“. In dem Film sollen nach dem Bericht des Nachrichtenmagazins grausame Bilder zu sehen sein. So sollen mindestens drei der ermordeten Ladenbesitzer unmittelbar nach ihrer Erschießung gezeigt werden. Offenbar fotografierten die Terroristen ihre Opfer nach den Anschlägen.

Bekenntnis zu Bombenanschlag 2004

Die Gruppe bekennt sich in dem Video zu einem Bobenanschlag im Jahr 2004: In Köln explodiert ein Sprengsatz in einer Straße, in der überwiegenden türkischstämmige Bürger leben. 22 Menschen werden durch Nägel verletzt. Als Beweis, dass sie den Anschlag verübt haben, sollen die Männer laut „Spiegel“ ein Foto der Bombe in das Bekennervideo geschnitten haben.

Zwei DVDs sind offenbar bereits verschickt worden. Ein Film erreicht das Parteibüro der Linken in Sachsen-Anhalt. Eine weitere DVD liegt dem bayerischen Innenministerium vor. Die Ermittler haben noch weitere Kopien in dem Zwickauer Haus gefunden – inklusive bereits beschrifteter Umschläge.

Weitere Komplizen verhaftet

Am 8. November stellt sich Beate Z. der Polizei in Jena, schweigt jedoch beharrlich. Am Sonntag wird vom Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen die 36-Jährige erlassen. Es bestehe ein dringender Verdacht „der Gründung und Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung“, wie die Bundesstaatsanwaltschaft in Karlsruhe mitteilte. Darüber hinaus gebe es weiterhin den Anfangsverdacht, dass Beate Z. unmittelbar an der Mordserie beteiligt gewesen ist.

Wegen Unterstützung der Terrorzelle ergeht am Montagabend auch Haftbefehl gegen den am Sonntag bei Hannover festgenommenen Holger G.. Er soll dem Trio 2007 seinen Führerschein und vor etwa vier Monaten seinen Reisepass zur Verfügung gestellt und mehrfach Wohnmobile für die Gruppe angemietet haben. Dem niedersächsischen Verfassungsschutz ist er bislang nur als Mitläufer der rechten Szene bekanntgewesen, wie Behördenchef Hans Wargel sagt.

Die rechtsextremistische Terrorzelle soll nach Informationen des ARD-Magazins „Fakt“ in dem Mieter zweier Zwickauer Wohnungen einen weiteren Unterstützer gehabt haben. Das Magazin berichtet am Dienstag vorab, der in Johanngeorgenstadt lebende Matthias D. sei nach Angaben eines früheren Mitschülers schon seit Jahren Neonazi.

Nach Recherchen des Fernsehmagazins hat der 34-Jährige die Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße angemietet, in der Beate Zschäpe von Frühjahr 2001 bis Sommer 2008 unter falschem Namen gelebt haben soll. Außerdem sei er nach Angaben des Vermieters auch der alleinige Mieter der Wohnung in der Frühlingsstraße, in der das Trio zuletzt wohnte und die Beate Z. angezündet hat. Laut „Fakt“ ging die Miete von einem Konto ab, das auf den Namen von Matthias D. geführt wurde.

Ende November wird in Brandenburg ein weiterer mutmaßlicher Helfer der drei Neonazis verhaftet. Andre E. soll im Jahr 2007 den „menschenverachtenden Propagandafilm“ hergestellt haben, mit dem sich die terroristische Vereinigung zu ihren Mordtaten bekannte, heißt es in der Mitteilung des Generalbundesanwaltes. (smo, dpa, dapd)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 14.11.2011  14:33
aktualisiert: Mi, 14.12.2011  10:32
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