05.02.2012
Innsbruck

Vom uralten Brauch bis zur geraubten Tradition

Die wilde Fasnacht wird heute in Absam und Roppen auf den Höhepunkt getrieben. Nicht jeder Ort, der einen Umzug veranstaltet, kann sich auf eine jahrhundertealte Tradition berufen.
Der Matschgerer-Umzug wird auch heute wieder Tausende Besucher nach Absam locken. Auch in Roppen (r.) treiben sich wilde Figuren herum.Fotos: Böhm, Matschgerer. Gemeinde
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Umzüge

Absam. Der Matschgerer-Umzug findet heute ab 14 Uhr statt. Der Ortskern ist ab zwölf Uhr gesperrt. Der Eintritt beträgt sechs Euro, Kinder unter 14 Jahren frei.

Roppen. Start ist um 12.05 Uhr in Alt-Roppen. Um 14 Uhr Einzug beim Gemeindezentrum.

Von Matthias Christler

Innsbruck – In der Fasnacht, in ihren Figuren, in den Masken steckt etwas Komik, ein wenig Konkurrenzkampf und sogar Kommerz. Die zahlreichen Umzüge in Tirol tragen neben dem wilden Treiben von all dem etwas in sich. Die einen mehr, die anderen weniger. Eines will sich jeder Veranstalter, von Imst über Absam bis ins Unterland, anheften: dass ihr Ursprung Jahrhunderte zurückreicht. In Imst datieren erste Erwähnungen aus dem Jahr 1683, Absam rühmt sich mit Überlieferungen von 1555. Andere wie die Roppener Veranstalter müssen sich hingegen mit dem 20. Jahrhundert oder gar nur wenigen Jahren der Tradition zufriedengeben.

Woher dann seine Identität nehmen? Volkskundler und Fasnacht-Experte Hans Gapp stößt sich an neuen Umzügen, die auf den Fasnacht-Zug aufspringen: „Es gibt Dutzende Umzüge, die aus dem Boden gestampft wurden. Da werden Hexen aus traditionellen Orten kopiert. Das gehört sich nicht“, sagt er.

Der Obmann der Absamer Matschgerer, Thomas Stöckl, hat mit Kollegen über rechtliche Schritte nachgedacht. Die Auszeichnung zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe sei ein erster kleiner Schritt, „aber noch gibt es keine Handhabe. Wir wehren uns aber schon, wenn typische Figuren wie der Zottler oder Schleicher abgekupfert werden“, kündigt Stöckl an. Wer selbst kein Brauchtum habe, solle es eben lassen. „In vielen Unterländer Gemeinden gibt es im Dezember das Perchtenlaufen, das wir ja auch nicht nachmachen.“ Für den Umzug in Absam, heute ab 14 Uhr, erwartet er 10.000 Besucher, die aus Lust auf Brauchtum der Kälte entgegentreten.

Tausende Besucher braucht es, denn neben dem gelebten Brauchtum spielt das Finanzielle eine wichtige Rolle. Trotz zusätzlicher Auflagen, Sicherheitskonzepte, Zubringerbusse und Gratis-Mahlzeiten hoffen die Vereine, ausgeglichen zu bilanzieren.

Das Kommerzielle spielt sich ebenso auf einer anderen Ebene ab. Der große Gewinn aus der Fasnacht ist nicht materiell, er kann mit Geld nicht aufgewogen werden. Hans Gapp sieht die Fasnacht als eine Gelegenheit, in der sich die Gemeinde als Einheit präsentieren und profilieren kann: „Veranstaltungen wie diese können eine Gemeinde zusammenschweißen. Es ist auch eine der wenigen Veranstaltungen, wo die politische Einstellung keine Rolle spielt“, fügt Gapp an. Das würden andere Gemeinden sehen. Dem eifern sie nach. In Zeiten der Beliebigkeit und der Angst sei die Fasnacht eine Gelegenheit, offen zu reden und die Wahrheit zu sagen; ohne die Gefahr einer Anzeige.

Ohne das Wilde, das Revolutionäre wäre die Fasnacht nie entstanden. Um das in geordneten Bahnen fortzuführen, brauche es dem Volkskundler zufolge ein Zusammenspiel zwischen Aktiven und Zuschauern. „Eine gegenseitige Anerkennung“, ergänzt Gapp.

Ein gesunder Konkurrenzkampf ist zwischen den Gemeinden entstanden. Jeder will das ältere Brauchtum haben. Die Roppener aber wissen, dass sie mit den Imstern nicht mithalten können: „Neid gibt es aber keinen“, sagt Obmann Werner Pfausler. Der noch junge Fasnachtsverein hat sich auf die Tschirgethex als Hauptfigur geeinigt. Der Fasnachtsausruf wurde erst nach weiteren Beratungen gefunden. Mit dem heutigen Umzug soll weiter die Tradition genährt werden, damit eine eigene Identität wachsen kann.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 05.02.2012
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