28.02.2012
Imst

Sterben oder Tod durch Anpassung

Gottfried Hecher (l.) und Bernd Sonderegger in „Abraham“.Foto: Hauser
Foto: hauser

Imst – Einen lang ersehnten Wunsch hat sich Spielleiter Herbert Riha vom Theaterforum Humiste Imst erfüllt und Felix Mitterers „Abraham“ auf die Bühne gebracht. Mit klu- ger Besetzung, präziser Charakterführung und feinem Gefühl für emotionelle Wendungen gelingt Riha mit Humiste eine atmosphärisch dichte Umsetzung des Volksstückes. Den zu den Texten bildhaften Rahmen schuf einmal mehr Bühnenbildner Karl Krachler.

Wer wen, wann, wo und wie lieben darf, dafür gibt es selbst ernannte moralische Instanzen, die dem Menschen von klein auf den rechten Weg weisen, ihn im Falle eines Andersseins aus der Gesellschaft verstoßen und ihm das Paradies versagen. So einfach funktioniert die Welt, für alle, die daran glauben (wollen). Schwer wird es da für jene, die den in den Zehn Geboten abgefassten Richtlinien naturbedingt gar nicht folgen können. Für sie wird das Leben zur Tortur, den Frieden auf Erden können sie sich abschminken. Das zeigt Mitterer bildhaft mit „Abraham“, wenn er das Martyrium des homosexuellen Architekten Peter beschreibt, der vor der Borniertheit der hinterwäldlerischen Landbevölkerung in die Stadt flüchten muss, um dort sein Glück zu suchen. Dass er es auch dort nicht findet, hat letztlich mit seiner Kindheit und religiösen Prägung zu tun. Die fatalen Grundzüge kirchlich-moralischer Richtlinien lassen dem Homosexuellen letztlich die Wahl zwischen Sterben und dem Tod durch Anpassung. Er wählt das Sterben, und das in Raten. „Abraham“ wird hier zu einem berührenden Beziehungsspiel, zu einem nachvollziehbaren, glaubwürdigen Drama. Bernd Sonderegger besticht mit großer Intensität als zwischen Liebe und Schuldgefühlen hin- und hergerissener Sohn Peter. Gottfried Hecher in der Rolle des Vaters beeindruckt im stetigen Wechsel des Verzeihen-Wollens und Nicht-Könnens. Christian Reiter berührt als sensibler, feinnerviger Freund Peters, der sich in der letzten Sequenz seines Lebens als der seelisch Stärkste erweist. Die geschlossene Ensembleleistung sorgt für Emotionen und Betroffenheit. (hau)

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Di, 28.02.2012
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