Nach der Lehre ohne Prüfung an die Uni
Kein Land der Akademiker
Fachkräftemangel: Sieben von zehn Arbeitgebern haben Schwierigkeiten, geeignete Mitarbeiter zu finden, zeigt eine Studie des market-Instituts (2011). Bei Betrieben ab 20 Arbeitskräften trifft es bereits jeden zweiten, der eine personelle Lücke nicht schließen kann. Vor allem das Hotel- und Gastgewerbe, der Handel, Verkauf und das Baugewerbe beklagen besonders häufig Probleme bei der Mitarbeitersuche. Zwei Drittel der Unternehmen sehen demnach auch einen generellen Fachkräftemangel in Österreich.
Akademikerquote: Der Anteil der Hochschulabsolventen an der Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren lag 2011 in Österreich bei gerade einmal 19 Prozent (OECD-Schnitt 30 Prozent). Hinter Österreich lagen nur die Türkei (13 Prozent), Portugal, Italien (je 15), die Slowakei, Tschechien und Mexiko (je 16). An der Spitze der Quote befanden sich Kanada (50 Prozent), Israel (45 Prozent) und Japan (44). Jeder fünfte 15- bis 19-Jährige hatte 2011 weder einen Job, noch absolvierte er eine Ausbildung.
Von Brigitte Warenski
Innsbruck, Wien – Jeder Jugendliche mit Lehrabschluss soll laut Tirols Landesschulratpräsident Hans Lintner „das Recht haben zu studieren“. Ohne Studienberechtigungsprüfung und ohne nachträgliche Matura soll künftig der Weg in den tertiären Bildungsbereich führen. „Ich kann mir auch vorstellen, dass die Unis ohne Zusatzprüfung in Zukunft offenstehen“, sagt Lintner.
Ein Gedanke, den die Tiroler Wirtschaftskammer bereits konkret in ein 6-Punkte-Bildungsprogramm gegossen hat. „Die Meisterprüfung muss endlich aufgewertet werden. Die Qualifikation eines Meisters muss wie in Deutschland als gleichwertig – das heißt nicht gleichartig – wie die eines Maturanten gesehen werden“, sagt Johannes Huber von der Wirtschaftskammer. In Deutschland einigten sich im Februar 2012 Bund und Länder im Rahmen der Umsetzung des europäischen Qualifikationsrahmens in der Ausbildung darauf, dass der handwerkliche Meisterbrief dem Bachelor-Abschluss gleichgestellt wird.
Als ersten Schritt der Aufwertung in Österreich gelte es, dass „man mit einem Meisterbrief ohne Zusatzprüfung an den Hochschulen studieren darf“, so Huber. Wer neben dem Beruf in den tertiären Bildungsbereich (Unis, Fachhochschulen, Akademien ...) gehen will, soll dazu künftig auch berufsbegleitend die Möglichkeit haben. Geschaffen werden sollen so genannte „Berufsakademien“, die es in der Schweiz und in Deutschland (auch duale Hochschulen genannt) bereits gibt. Hier sollen auch Lehrabsolventen die Möglichkeit haben, mit „maßgeschneiderten Programmen“ einen Abschluss als „Bachelor Professional“ zu erhalten. Das weiterführende Masterstudium könnte dann an einer Universität – wieder ohne Zusatzprüfung – absolviert werden. Die Gespräche über die Installierung der Berufsakademien „sind bereits weit fortgeschritten und der Antrag auf eine gesetzliche Verankerung – die es dazu braucht – soll in den Ministerrat kommen“, sagt Huber. Dass nicht nur aufgrund des schlechten Images der Lehre und des weiter steigenden Fachkräftebedarfs Handlungsbedarf besteht, sind sich Kammer und Landesschulrat einig. „In Tirol ist der Reformbedarf massiv: Rund zwei Drittel der Tiroler sind der Auffassung, dass es dem gegenwärtigen Bildungssystem nicht bzw. nur schlecht gelingt, die individuellen Talente der Kinder und Jugendlichen zu entdecken und zu fördern“, heißt es im Kammerbildungsprogramm.
Für die Wirtschaft habe die Duchlässigkeit von der dualen zur tertiären Ausbildung einen extrem hohen Stellenwert. „Damit werden nicht nur die Chancen eines jeden einzelnen Jugendlichen erhöht, das brächte Österreich auch im internationalen Vergleich endlich einen besseren Platz in der Akademikerquote, wo wir derzeit ja fast ganz unten rangieren.“ Ganz unterschiedlich sollen nach Wunsch der Kammer die Gebühren fürs Studieren ausfallen. Studien, die dringend gebraucht werden, könnten kostenlos sein, für andere müsste bezahlt werden. Der Studiensatz soll variabel und sozial gestaffelt sein, festlegen könnten ihn die Hochschulen innerhalb einer gewissen Bandbreite selbst.
Anton Kern, Chef des Arbeitsmarktservice Tirol, sieht den Vorstoß mit Vorbehalt: „Ob der direkte und breite Einstieg nach der Lehre in ein Studium praktikabel und umsetzbar ist, muss sicher ausführlich diskutiert werden. Zu klären ist etwa, ob die theoretischen Kenntnisse im Rahmen einer Lehre ausreichend für ein Studium sind.“
Ein klares „Nein“ zum direkten Einstieg von der Lehre in die Uni kommt bereits aus dem Wissenschaftsministerium: „Ohne Zusatzprüfung ist dies nicht vorstellbar“, sagt Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Mit der Studienberechtigungsprüfung und der Berufsreifeprüfung gebe es bereits jetzt Wege des Zugangs zur Universität abseits der Matura an einer höheren Schule. „Sollte hier jedoch Verbesserungsbedarf bestehen, kann man auch darüber nachdenken, diese Wege zu erweitern.“
aktualisiert: Mo, 20.05.2013 03:20


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