09.07.2012
Brasilien

Überleben in der Gefängnishölle - Tiroler hofft auf Auslieferung

Seit zehn Monaten sitzt ein Tiroler in einem brasilianischen Polizeigefängnis und wartet auf seine Auslieferung. Unter katastrophalen Haftbedingungen ohne jede Hilfe.
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Chronologie

April 2006: Bei einer groß angelegten Razzia zerschlägt die Innsbrucker Polizei eine Rotlicht-Organisation, unter den Verdächtigen befindet sich auch ein damals 33-jähriger Stubaier.

April 2009: Wegen Zuhälterei und Bandenbildung wird der Tiroler am Innsbrucker Landesgericht zu drei Jahren Haft verurteilt, erhält aber wegen der baldigen Geburt seines Kindes Haftaufschub.

Jänner 2010: Vor seinem Haftantritt flüchtet der Stubaier samt Familie nach Brasilien.

August 2011: Beamte des Landes- bzw. Bundeskriminalamtes machen den flüchtigen Tiroler in der brasilianischen Stadt Sao Luis ausfindig und erwirken seine Festnahme. Seither sitzt der Stubaier im Polizeigefängnis von Sao Luis.

Juni 2012: Nach monatelangem juristischen Tauziehen erteilen die brasilianischen Behörden dem Justizministerium in Wien ihre Zusage für die Auslieferung des Stubaitalers. Der genaue Zeitpunkt ist noch unklar.

Von Thomas Hörmann

Sao Luis – Brasilien ohne Sonnenschein, Abende ohne Essen, Nächte ohne Bett, Blut im Urin, aber kein Arzt: „Hier ist es schlichtweg schlimmer als in der Hölle“, beschreibt ein 40-jähriger Tiroler seinen Alltag in einem brasilianischen Polizeigefängnis. Seine E-Mail, die in der Nacht auf Sonntag auf verschlungenen Pfaden die Redaktion der Tiroler Tageszeitung erreichte, ist auch ein Hilferuf. Der Stubaier, der an gesundheitlichen Problemen leidet, fühlt sich von der österreichischen Botschaft im Stich gelassen.

Vorweg: Der am Innsbrucker Landesgericht wegen Zuhälterei verurteilte Tiroler befindet sich nicht in Strafhaft, sondern wartet lediglich im Polizeigefängnis der brasilianischen Provinzhauptstadt Sao Luis auf seine Auslieferung nach Österreich. In einer beengten „Zwei-Mann-Zelle, besetzt mit sechs Personen“. So eng, dass nur vier Insassen schlafen können, zwei müssen warten, bis jemand aufwacht.

Geschlafen wird mit Spinnen, Ratten und sonstigem Ungeziefer am nackten Betonboden, Betten oder zumindest Matratzen gibt es nicht. Auch keine Tische, Stühle, Messer oder Gabeln: „Gegessen wird mit bloßen Händen“, beschreibt der Häftling seinen Alltag. Ein Fingerhut Kaffee und trockenes Brot zum Frühstück, das Mittagsgericht besteht am Samstag aus Reis, Bohnen und Leber, das Abendessen auch. „Das gibt‘s um 21 Uhr, aber nicht jeden Tag und nie für alle. Die Spannung steigt, wer setzt sich heute durch – vier haben Glück.“ Mindestens ebenso schlimm ist die Langeweile: „Seit zehn Monaten war ich nicht mehr an der frischen Luft, der Hofgang existiert nur auf dem Papier. Die Zeit schlagen wir uns mit Gesprächen tot.“

Am Samstag sorgte ein neuer Zellengenosse für etwas Abwechslung: „Ein netter junger Mann, gebildet und freundlich“, beschreibt ihn der Tiroler: „Er bietet seit seinem 14. Lebensjahr spezielle Dienste an. Er bringt Menschen um, 24 können sie ihm nachweisen, weitere 40 Opfer vermuten sie.“

In der Mittagszeit steigt die Temperatur in der Zelle auf 36 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 Prozent, warme „Abgase“ aus der Klimaanlage der Polizeistation und Fäkaliengeruch erschweren das Atmen zusätzlich. „Wir können die Toilettenspülung nicht selbst betätigen, das darf nur die Polizei“, so die Erklärung des Tiroler Häftlings.

Die Körperpflege hängt von den jeweiligen Launen der Wärter ab. „Manchmal läuft das Wasser (für die sechs Zellenbewohner) fünf Minuten, manchmal 20.“

Medizinische Versorgung ist ein Fremdwort. „Ich leide seit sechs Monaten an Zahnschmerzen, habe mittlerweile Blut im Urin, aber noch nie einen Arzt gesehen“, sorgt sich der Tiroler: „Die Terroristas in Kuba haben es besser.“

Der 40-Jährige kritisiert aber nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch den Einsatz der österreichischen Botschaft in Brasilien. „Die Botschaft hier hat schlichtweg NIE geholfen“, schreibt der Auslieferungshäftling, der seit Spätsommer 2011 im Gefängnis sitzt. „Im September hat sich ein Botschaftsmitarbeiter nach den Besuchszeiten erkundigt, bis heute war niemand bei mir.“ Seit fünf Wochen wartet der Tiroler auf Dokumente, die nach wenigen Tagen bei ihm eintreffen hätten sollen. Jetzt prüft das Außenministerium den Fall.

Sein einziger Trost: Die Rückkehr ist absehbar.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mo, 09.07.2012
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