15.07.2012
Innsbrucks Unterwelt

Eine etwas andere Stadtführung

Sie sind Zufluchtsstätten für Alkoholiker, Obdachlose und Drogenabhängige. Orte, die oft nur die Betroffenen selbst kennen. Der Theologe und langjährige Sozialarbeiter Jussuf Windischer zeigt die weniger schönen Seiten Innsbrucks.
Von Miriam Hotter

Innsbruck - Es ist Regen angesagt. Kein idealer Nachmittag für einen Stadtspaziergang. Doch irgendwie passt der triste Himmel zu unserem Vorhaben. „Wir tauchen heute ab in die Unterwelt Innsbrucks“, begrüßt Jussuf Windischer, Theologe und ehemaliger Gefängnisseelsorger, die 18-köpfige Gruppe.

In die Unterwelt Innsbrucks? Werden wir heute etwa dem Teufel selbst begegnen? Nein, nicht dem Leibhaftigen. Windischer führt uns heute im Zuge eines zweistündigen Stadtspazierganges an jene Orte, die von Menschen bewohnt oder besucht werden, die aus dem öffentlichen Raum verdrängt wurden.

Der erste Weg führt uns zu einem großen, grün verputzten Gebäude in der Kaiserjägerstraße. Das Tor mit der Aufschrift „Feuerwehrzufahrt“ täuscht über den eigentlichen Sinn und Zweck des Baus hinweg. Dahinter verbirgt sich nämlich keine Feuerwehr. Das Gebäude ist eines von 18 österreichischen Gefängnissen, in denen Menschen ohne gültige Papiere, aber auch jene, die – etwa wegen zu langer Arbeitslosigkeit – ihr Aufenthaltsrecht verloren haben, für bis zu sechs Monate in Schubhaft genommen werden können. Um das Polizeianhaltezentrum (PAZ), direkt neben der SoWi, gibt es nicht viele Diskussionen. Das liegt wohl mitunter daran, dass nur wenige Informationen aus dem PAZ an die Öffentlichkeit dringen. Als Windischer erzählt, was sich teilweise hinter den Mauern abspielt, wird mir klar, warum das so ist. „Die oft traumatisierten Insassen bekommen keine Rechtsberatung. Der einzige Weg nach draußen führt oft nur über das Krankenhaus“, weiß er aus seiner Erfahrung als Gefängnisseelsorger. „Deshalb schlucken viele Häftlinge Löffel oder zünden Matratzen an, um für eine Weile aus ihrer Zelle zu kommen.“ Sie täten das auch in der Hoffnung, ihre Abschiebung in ihr Heimatland zu verhindern oder zumindest zu verzögern.

Wir wollen aber keine Zeit verlieren und brechen auf zur Adresse Dreiheiligenstraße 9. Zwar ist die Straße bekannt, das besagte Haus jedoch nicht. Kein Wunder. Von außen unauffällig läuft man blind daran vorbei. Außer man hat kein Dach über dem Kopf und sucht im „Alexihaus“ einen Platz zum Schlafen. Als wir durch das große graue Stahltor des Hauses gehen, ist noch keinem klar, dass wir zugleich eine andere Welt betreten.

Im Hof sitzen etwa zehn Bewohner. Obdachlose, die im Alexihaus eine neue Heimat gefunden haben. Sie reden. Einer von ihnen schaut ins Leere. Als sie uns entdecken, sind alle neugierig, denn es kommt sehr selten vor, dass neue Leute vorbeikommen. „Hallo Manfred, wie geht es dir?“, begrüßt Windischer einen Bewohner. Er kennt sie alle und weiß, warum sie hier sind. „Die meisten haben familiäre Probleme und sind deshalb obdachlos geworden“, erzählt Windischer. Deshalb würden auch die meisten Obdachlosen zur Flasche greifen – um den Schmerz zu ertränken. „Oftmals vergessen die Menschen, dass Alkoholismus eine anerkannte Krankheit ist – genau wie Krebs. Krebskranke werden jedoch von den Angehörigen und Mitmenschen unterstützt, Säufer und Junkies dagegen angeekelt angeschaut und gemieden“, bringt Windischer das Problem auf den Punkt. Deshalb sei es so wichtig, dass es Nischen gäbe, wo solche Leute Akzeptanz und Respekt erfahren. Es brauche Orte, wo ihnen geholfen wird, wieder in ein „normales“ Leben zurückzufinden.

Diese Einrichtung, die ihren Namen vom heiligen Alexius – dem Fürsprecher für Wohnungslose – hat, bietet 58 Plätze für männliche Obdachlose. Sie können hier nicht nur schlafen, sondern sie bekommen täglich eine warme Mahlzeit für einen Euro. Außerdem können die Bewohner ihr wöchentliches Taschengeld von 50 Euro verwalten lassen. Nachdem wir diese Welt wieder verlassen haben, geht Windischer mit seinen Besuchern weiter, auf den Spuren der Verachteten und Ausgestoßenen.

Das große helle Haus an der Ecke der Ing.-Etzel-Straße  1 unterscheidet sich von den anderen Gebäuden nur durch den Schriftzug „Komfüdro“ – Kommunikationszentrum für Drogenabhängige. Hier werden seit zehn Jahren sterile Nadeln und Spritzen an Süchtige verteilt, damit sich Krankheiten nicht verbreiten können. „Bis zu 1000 Spritzen werden hier täglich ausgegeben“, weiß der Sozialarbeiter. Die ausgebildeten Mitarbeiter des Komfüdro bieten außerdem Beratungen und Wasch- und Duschmöglichkeiten für Drogenabhängige an. „Der Ansturm ist groß“, meint Windischer. Aber immer noch würden die Menschen ihre Augen vor den sozialen Problemen der Stadt verschließen. „Innsbruck besteht nicht nur aus dem Goldenen Dachl und der Maria-Theresien-Straße. Es gibt Orte der Not, wo Menschen täglich um ihr Überleben ringen. Wenn sich die Einstellung der Bevölkerung zu den Armen, Obdachlosen und Suchtkranken nicht ändert, wird das Problem nicht verschwinden. Es wird größer“, sagt Windischer.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 15.07.2012
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