21.07.2012
Wissen

Wenn Kinderliebe zu weit geht

Sexuelle Gewalt an Kindern passiert viel öfter in der Familie als hinter Kirchenmauern. Experten fordern Hilfe für Täter – und Täterinnen: Das schütze auch potenzielle Opfer.

Von Elke Ruß

Innsbruck – Ein gesprengter Kinderpornoring mit 250 Mitgliedern. Fünf Jahre Haft für einen Tiroler, der jahrelang die Tochter seiner Lebensgefähr­tin missbraucht hat. Zweieinhalb Jahre Gefängnis für einen anderen Tiroler wegen jahrelanger schwerer Übergriffe auf sein Patenkind.

Nur ein Bruchteil der Kindesmissbrauchsfälle wird jemals bekannt oder gar geahndet. Diese jüngsten Gerichtsurteile zeigen aber deutlich: Sexuelle Gewalt an Kindern geschieht keineswegs nur hinter Sakristeitüren und Klostermauern, sondern viel häufiger im familiären oder „zivilen“ Umfeld. Das Hinhauen auf die Kirche diene bereits wieder „der Vertuschung der sonstigen Umstände“, meint der Innsbrucker Sexualwissenschafter Josef Christian Aigner: „Wenn man sagt, man muss die Heime abschaffen, müsste man auch die Familien abschaffen.“

Abschaffen im Sinn von auslöschen würden viele gerne auch die Täter, weiß die Innsbrucker Sexualtherapeutin Ulrike Paul. Die Gesellschaft reagiere auf Pädosexuelle „mit sadistischem Hass, den sie eigentlich den Betroffenen unterstellt“. Sie erkläre den „Kinderschänder“ zur Unperson und fordere seinen Ausschluss aus der Gemeinschaft, ja gar die Hinrichtung. Selbst in der Gefängnishierarchie sind Kinderschänder das Letzte. Paul fordert deshalb eine „Entdämonisierung“ und ein „Hinschauen“.

Wie sie betont, sei „nicht jeder, der ein Kind sexuell missbraucht, pädosexuell strukturiert – und nicht jeder Pädosexuelle ist ein Täter.“ Die Täter sind auch nicht alle männlich: Übergriffe in den Heimen wurden teils von Nonnen und Erzieherinnen verübt. Es kommt auch vor, dass Mütter z. B. halbwüchsige Söhne noch baden oder als Partnerersatz in ihr Bett holen, schildert Paul.

Häufig stelle das kindliche Opfer nur ein Ersatzobjekt, etwa für eine erwachsene Frau, dar. Aigner zufolge geht man davon aus, dass rund 60 Prozent der Täter im kirchlichen Bereich Ersatztäter sind. Daran knüpft er die Aufforderung an die Kirche, den Zölibat zu reflektieren.

Pädophile Neigungen können z. B. aus falscher Sexual­moral und erniedrigender Behandlung von klein auf erwachsen, weiß der Experte. Jugendliche Täter stammen laut Paul „nicht selten aus prekären sozialen Verhältnissen und haben selbst Gewalt erfahren“.

„Viele Pädophile werden nie wirklich erwachsen“, erklärt Aigner: „In einer Art sehnsuchtsvoller Rückschau lieben sie auch Kinder. Die meisten Pädophilen – zwischen 60 und 70 Prozent – tun auch nichts. Sie begehren Kinder, sie leiden darunter und sie brauchen Hilfe!“

Die Problematik dürfe „nicht so in den kriminellen Hintergrund abgedrängt werden. Man muss im Interesse künftiger Opfer etwas für die Täter tun!“ Außer dem Verein Mannsbilder und der Sexualberatungsstelle Courage fallen Aigner in Tirol aber keine Stellen ein, an die sich Pädosexuelle wenden könnten. Paul bekennt, dass selbst viele Psychotherapeuten solche Klienten scheuen – teils aus Angst, etwas zu übersehen. Aigner: „Auch die Helfer sind stigmatisiert.“

Als niederschwellige Anlaufstelle schlägt er vor, einen Pool von Experten zu bilden, die im Internet beraten. Eine Stelle, an die sie sich angstfrei wenden können, wäre laut Paul ganz besonders wichtig für betroffene Jugendliche.

Die Täterarbeit setze Verständnis für den hohen Leidensdruck Betroffener voraus. Sie würden ihren Drang oft als Ich-fremd und überwältigend erleben. Es gehe darum, die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und zur Impulssteuerung zu erarbeiten. Andererseits seien aber Klarheit und der Schutz des Opfers wichtig. Wenn z. B. ein Zusammenleben von Vater und Tochter unter einem Dach nicht mehr möglich ist, bedeute das aber nicht zwingend den Abbruch jeden Kontaktes, betont Paul.

Eine chemische Kastration als Ausweg ist umstritten und laut Aigner auch nicht in allen Fällen wirksam. Sie ist in Österreich zudem nur auf freiwilliger Basis zulässig.

Zur Stärkung der Kinder hat der Experte dem Land Tirol eine mobile sexualpädagogische Beratung nach dem Vorbild von Ober- und Niederösterreich mit einem „Love-Tour-Bus“ vorgeschlagen, denn: „Gut aufgeklärte Kinder werden fast nie Opfer von Kinderschändern.“ Die Prüfung der Maßnahme sei zwar in den Landesregierungsbeschluss aufgenommen worden, seither habe er aber nichts mehr gehört, ist Aigner enttäuscht.

Wie Paul ergänzt, führt in Tirol aber beispielsweise die Aidshilfe sexualpädagogische Workshops an Schulen (z. B. „Let‘s talk about sex“) durch.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 21.07.2012
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