28.07.2012
Gesundheit

Entschieden überfordert

Marille oder Kiwi? Mallorca oder Kreta? Je größer die Auswahl, desto schwieriger die Entscheidung. Warum ein Überangebot überfordert und sich sogar aufs Gewicht schlägt.

Von Nicole Unger

Hall i. Tirol – Dass früher alles besser war, wird gerne behauptet, stimmt aber nicht immer. Im Grunde steht uns heute die Welt offen, mit einer Fülle an Angeboten und Entscheidungsfreiheiten. Doch vielleicht mag früher einiges einfacher gewesen sein. Ist es doch genau diese riesige Auswahl an Möglichkeiten, die viele überfordert. Nicht umsonst heißt es: Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Die „Quälerei“ fängt bereits im Kleinen an: Gab es im Supermarkt vor Jahren drei Joghurtsorten, steht man heute vor einem Kühlregal mit Hunderten von Milchprodukten. Rechtsdrehend, kalorienreduziert, abwehrstärkend, vom Schaf, von der Ziege, von der Kuh. Der freie Warenverkehr in der EU macht es möglich. Was für die Auswahl im Supermarkt gilt, kann auf alle Ebenen umgewälzt werden. Wer sein Badezimmer renoviert, hat die Möglichkeit, zwischen unzähligen Fliesenfarben auszuwählen und wer seinen Partner im Internet sucht, kann seine große Liebe rund um den Globus finden.

Pastellgrün oder Zartrosa, Mike oder Thomas, zuhause ausziehen oder doch daheim bleiben? Tagtäglich werden wir mit Entscheidungen konfrontiert. Hinter jeder von ihnen steckt eine Erwartungshaltung. Und je mehr Optionen es gibt, desto eher haben wir Angst, etwas zu versäumen oder die falsche Wahl getroffen zu haben, erklärt Josef Marksteiner, Leiter der Psychiatrie am Landeskrankenhaus Hall. Dieses Denken kann wiederum zu Konfliktsituationen und in Folge zu psychischem Stress führen. „Eine Entscheidung zu treffen, scheint oft als einfacher Prozess“, sagt der Mediziner. Tatsächlich steckt ein riesiger komplizierter Vorgang im Gehirn dahinter, wie neurobiologische Forscher bereits entschlüsseln konnten.

Einerseits gibt es den rationalen, den vernünftigen Teil, auf der anderen Seite den unbewussten oder intuitiven Part, das „Bauchgefühl“. Positiv im Sinne der Intuition ist der Wert der Erfahrung, die man durch gefühlsmäßiges Handeln sammelt. Negativ ist, dass genau die Werbung auf den unbewussten Teil abzielt. Wer also im Supermarkt nach seinem Joghurt sucht, wird nicht nur mit Hunderten Produkten konfrontiert, sondern auch mit Hunderten Versprechungen. Jeder Anbieter gibt an, der Beste zu sein. Zum Schluss weiß man gar nicht mehr, was man nehmen soll und kauft womöglich mehr, als man braucht.

Eine Entscheidung, die „schwerwiegende“ Folgen mit sich ziehen könnte: Geht es nämlich nach einem schweizerisch-portugiesischen Forscherteam, macht die EU durch mehr Nahrungsangebot dick. Die Wissenschafter vom Institut für Sozialmedizin in Lausanne haben die Ernährungstrends in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Italien und Frankreich zwischen 1961 und 2007 verglichen. Das Ergebnis: Während die Kalorienaufnahme in der Schweiz in etwa gleich blieb, stieg sie in den EU-Ländern an – in Österreich besonders stark.

Die Fülle an Möglichkeiten kann sich also nicht nur auf das Gewicht schlagen, sondern beeinflusst auch das Konsumverhalten. Die Tatsache, dass es Angebote in zigfacher Vielfalt gibt, ist für viele bereits ganz normal geworden. Am Ende des Tages kein frisches Brot mehr im Regal? Beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. „Wir passen uns an Situationen an. Mit Mängeln können wir nur schlecht umgehen“, weiß Marksteiner.

Die Folge: Die heutige Generation wird mit Angeboten überflutet und sieht es bereits als selbstverständlich an, dass es so viele Waren gibt. Vieles wird nicht mehr geschätzt. Dafür ist man heillos überfordert und läuft Gefahr, in eine Kaufspirale zu geraten. Die Schuhe schauen in Blau und in Schwarz gut aus? Statt sich zu entscheiden, nimmt man einfach beide. Dabei wäre es gar nicht so falsch, manchmal auf sein Bauchgefühl zu hören. Es gibt sogar einige Studien, die zeigen, dass die erste Wahl oft die Beste ist. Wer sich schwer tut, Entscheidungen zu treffen, dem rät der Fachmann, alle Möglichkeiten aufzuschreiben. Sowohl auf rationaler Ebene als auch auf intuitiver. Nach dem Motto: „Wie geht es mir bei der Entscheidung?“, „Habe ich Freude daran?“ oder „Werde ich ärgerlich?“. Schwarz auf weiß fallen Entschlüsse leichter.

Trotz der Flut an Angeboten ist laut Marksteiner auch eine Gegenbewegung zu erkennen: Die Sehnsucht nach Einfachheit und überschaubaren Entscheidungen. Tante-Emma-Laden statt Massenware. Ein Paar gute Schuhe statt zehn Paar billige. Das Leben sei so viel komplexer geworden, viele wollen sich wieder auf die wichtigen Dinge besinnen. Weniger ist manchmal entschieden mehr.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 28.07.2012
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