Eine explosive Mischung
Von Nicole Unger
Innsbruck – Asiaten trinken „Bubble Teas“ („Bläschen-“ oder „Perlentee“) bereits seit 25 Jahren. Nun ist das Tee-Sirup-Getränk mit den erbsengroßen Geleekugeln, die im Mund explodieren, auch in die heimischen Becher übergeschwappt. Fastfood-Unternehmen und Coffee-Shops haben den knallbunten Modedrink aus Taiwan in ihr Sortiment aufgenommen und wollen vor allem Jugendliche zum Bubblen bewegen.
Anbieter bewerben das Produkt mit den essbaren, kaugummiartigen Perlen aus Stärke oder Gelee auf ihren peppig gestalteten Homepages als „gesundes, buntes und erfrischendes Teemixgetränk“, das nicht nur „glücklich“, sondern auch „schön“ machen soll. Die Stiftung Warentest bezeichnet das Getränk auf Tee- und Sirupbasis wiederum als „eine Kalorienbombe inklusive synthetischer Farbstoffe und Aromen“.
Stellt sich die Frage: Plopp oder Flop? Da man über Dinge, die man nicht kennt, kein Urteil fällen sollte, haben wir selbst einen „Bubble Tea“ getestet: Die Auswahl in einem Tiroler Coffee-Shop ist überraschend groß. Zuerst sollen wir die Basis auswählen. Als Grundlage dienen schwarzer oder weißer Tee. Gemixt wird dieser entweder mit Milch, Joghurt oder Fruchtsirups in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen. Zum Schluss kommt der eigentliche Clou: das Topping aus der Molekularküche. Zur Auswahl stehen „Popping Bobas“ (mit Fruchtsaft gefüllte Perlen), Jellys (in Fruchtsaft eingelegte Gelatine-Würfel) oder Tapioka, das asiatische Ur-Topping (schwarze Perlen aus der Maniokwurzel). Zum Schluss gilt es noch zu entscheiden: heiß, kalt oder eiskalt als Frappé?
Unsere Wahl fällt auf einen gekühlten Schwarztee mit Lychee-Geschmack und einem Boba-Perlen-Mix. Serviert wird unser Bubble-Cocktail in einem durchsichtigen Plastikbecher, der Deckel ist luftdickt verschlossen. Für einen halben Liter blättern wir stolze 3,50 Euro hin. Im Preis inbegriffen ist ein extradicker Strohhalm, den wir mit Schmackes durch den Plastikdeckel stechen, um nach den Perlen zu tauchen. Dann folgt die Kostprobe. Kräftig saugen und plopp. Mit dem Teeschwall schießt eine Geleekugel durch den Strohhalm. Unser einheitliches Urteil: picksüß, künstlich und auch die glibberigen Boba-Kugeln lassen uns geschmacklich nicht explodieren. Schöner oder glücklicher sind wir auch nicht geworden. Die Bezeichnung „Tee“ ist noch dazu irreführend. „‚Bubble Tea‘ ist kein natürliches Teegetränk, sondern ein künstlicher Softdrink“, bestätigt Diätologin Martina Santer von avomed Tirol. Der Energiegehalt je 100 ml schwanke zwischen 45 und 75 kcal. Bei einigen Sorten liegt der Zuckergehalt sogar darüber und deckt somit die von der WHO empfohlene maximale Tagesdosis für eine erwachsene Frau. Mit dem handelsüblichen 500-Milliliter-Becher haben wir quasi die gleiche Menge Zucker wie in einem Cola-Getränk zu uns genommen oder anders ausgedrückt: so viele Kalorien wie eine Hauptmahlzeit. Die Stiftung Warentest, die kürzlich vier Produkte testete, fand sogar ein Exemplar mit 90 Gramm Zucker pro 100 ml. Das entspreche 30 Würfelzucker in einem einzelnen Becher, warnten die Prüfer. Ebenfalls explosiv: Zu den Bestandteilen des „Perlentees“ gehörten teils auch synthetische Azofarbstoffe wie Tartrazin-Gelb (E 102) oder Allurarot (E 129). Die Stoffe stünden im Verdacht, bei Kindern Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizite auszulösen. Mediziner warnen zudem: Kinder könnten sich leicht an den Kügelchen verschlucken.
Trotz aller Bedenken von Experten und dem modernen Lifestyle vieler Konsumenten ist das umstrittenste Szene-Phänomen nicht zu stoppen. Marktforschern zufolge erzielte das Getränk von Januar bis April 2012 in Deutschland einen Umsatz von vier Millionen, berichtet etwa der Spiegel. Etwa 80 Prozent davon gehen demnach auf 16- bis 29-jährige Käufer zurück.
Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und dass Softdrinks Zucker enthalten, ist kein Geheimnis. Dennoch raten Ernährungsexperten zu gesünderen Alternativen: Zitronenmelisse, Orangenscheiben oder Minzeblätter „bubblen“ vielleicht im (ungesüßten) Eistee nicht so cool, sorgen aber dennoch für Geschmacksexplosionen.






