01.08.2012, 14:38  Aktualisiert: 10.08.2012, 01:02 
Frenkie Schinkels im Interview

„Den lustigen Frenkie gab es nur noch, wenn ich ihn spielte“

Der Ex-Fußballer, -Trainer und -Dancing-Star Frenkie Schinkels spricht über seinen neuen Job, wie er den Burnout überstand und österreichische Illusionen.
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Steckbrief

Frenk „Frenkie“ Schinkels, geb. am 9. Jänner 1963 in Rotterdam. Seine Frau starb bei einem Autounfall, beim Aufziehen seiner Kinder fand er in seiner jetzigen Gattin Romana eine große Stütze.

Karriere. Unterschrieb mit 16 seinen ersten Profivertrag bei Feyenoord Rotterdam. Seit 1985 in Österreich, erst als Fußballer, dann als Trainer. Zuletzt Fußballkommentator im ORF, 2012 Kandidat bei „Dancing Stars“.

Spieler und Trainer. Er spielte für Salzburg und St. Pölten, für den SV Gerasdorf und die Austria – und sechsmal für Österreichs Nationalteam. Als Trainer führte Schinkels die Austria zu Cupsieg und Meisterschaft und stieg mit dem SK Austria Kärnten tief ab.

Vorzeigetyp. Schinkels ist das neue Testimonial der niederösterreichischen HYPO-Gruppe und für das Land NÖ.

Von Liane Pircher

„Schrille Sakkos, schräge Sprüche und Fachwissen gibt es ab August bei Puls 4 – der kleine Private hat dem großen ORF seinen tanzenden Quotengaranten geklaut!“ So werden Sie von Ihrem neuen Arbeitgeber angekündigt. Der Ex-Fußballer und Ex-Fußballtrainer Frenkie Schinkels wird Hauptsportanalytiker der Champions League und kriegt noch dazu ein eigenes Sportformat. Sie haben quasi doppelt die Seiten gewechselt: vom Aktiven des Fußballgeschäfts zum beruflichen Beobachter, vom ORF zu Puls 4.

Frenkie Schinkels: Aber nur der Wechsel vom ORF zu Puls 4 war einer mit einem Hauch von Wehmut. Ich habe dem ORF viel zu verdanken, hoffe aber auch, dass er in meiner Zeit als Analytiker auch etwas von mir profitieren konnte. Bei Puls 4 habe ich einen Dreijahresvertrag bekommen. Ein Zeitraum, der einem etwas von jener Sicherheit gibt, die ich in meinem Alter auch brauche. Und was später einmal sein wird, weiß man ja nie. Ich bin von meiner Seite aus im Guten vom ORF gegangen – und vielleicht kehre ich irgendwann ja einmal zurück.

Haben Sie mit dem Trainergeschäft abgeschlossen? Eigentlich müsste ja einer mit Ihrer Fachkompetenz ein gefragter Mann sein. Schließlich sind Sie 2006 als Jungtrainer mit der Austria Wien sogar Meister geworden.

Schinkels: Aber der im Juni 2006 fixierte Meistertitel war schon im Oktober 2006 so wenig wert, dass ich nach ein paar schlechten Spielen beurlaubt worden bin. Die Fachkompetenz ist das eine. Die mächtige Phalanx von Ahnungslosen in vielen Klubvorständen ist das andere. Als Trainer stehst du zwischen dem überzogenen Anspruchsdenken der Klubbosse, der Sponsoren, der Fans und der Einsicht, dass das alles in Wirklichkeit nicht machbar ist. Eine schizophrene Situation. Und wenn man nicht aufpasst, geht man da vor die Hunde.

Was Ihnen beinahe passiert wäre, als Sie 2009 nach einer langen Serie siegloser Spiele beim SK Austria Kärnten entlassen worden sind. Am Ende dieser Lebensperiode stand die Desillusionierung, die Depression, stand ein Burnout. Kurzum: Die Frohnatur Frenkie Schinkels gab es nicht mehr.

Schinkels: Ja, plötzlich half alles nichts mehr. Irgendwie bin ich in Kärnten als Trainer ein Spielball der Politik geworden. Man fühlt sich schuldlos schuldig. Ist der Erfolg weg, werden die Freunde rar, irgendwann kann man seiner inneren Leere mit Überreaktionen nicht mehr beikommen. Du schaust zum Himmel, und über dir ist eine dunkle Wolke. Die geht nicht mehr weg. Bei mir hat sich dieses Gefühl eruptiv in einer Herzattacke während einer Autofahrt entladen. Danach kamen die Panikattacken. Den lustigen Frenkie gab es da nur noch, wenn ich ihn spielte.

Dagegen könnte man einwenden, dass einer mit der Erfahrung von Frenkie Schinkels wissen muss, worauf er sich einlässt. Und darüber hinaus gäbe es im Fußball als Entschädigung für das Arbeitsleid ja jede Menge Kohle.

Schinkels: Das ist ja nur ein Teil der Wahrheit. Klar gibt es Fußballer und Trainer, die leben ein Leben als Hätschelkind. Aber die Realität sieht anders aus. Über den Profi, der mit einem Fixum von ein paar tausend Euro bis zu seinem 30. Lebensjahr die Zukunft abgesichert haben soll, redet niemand. Auch nicht über die Perioden der Arbeitslosigkeit von Trainern. Ich habe in Kärnten um mein Geld prozessieren müssen, danach bei der Vienna. Das sind äußerst unsichere Lebenskonstellationen. Ich bin ja mit einem Burnout nicht an die Öffentlichkeit gegangen, weil es eine Modekrankheit ist. Es fahren doch die meisten Menschen in einem Zug mit 300 km/h durch das Leben. Obwohl wir noch auf 30 km/h programmiert sind. Alles muss schnell gehen: die Arbeit, das Leben. Wir sind ein Volk im Dauerstress. Arbeitsbedingungen, ohne dass Sie sich dagegen wehren können. Es müssen schon die Hausfrauen die atemlose Hast verinnerlichen.

Was hat der Frenkie Schinkels getan, dass es ihm heute wieder besser geht?

Schinkels: Ich versuche die Zeit zu entschleunigen. Ich habe die Natur entdeckt, die Freude an kleinen Dingen. Ich mache nicht mehr mit. Ich sage es offen und gegen den Trend: Ich möchte gemütlicher leben, Zeit mit Freunden haben, mit den Kindern, den Enkelkindern. Vielleicht sollte man sich kollektiv dem zunehmenden Terror der Schnelligkeit verweigern.

Aber Sie haben sich doch in die nächste Situation hineinmanövriert, die Druck gemacht hat: Dancing Stars. Das ist ja auch der pure Konkurrenzwahnsinn.

Schinkels: Ah wo. Das war ein Druck, den ich mir selbst gemacht habe, den ich selbst regulieren konnte. Ich habe mich – wie man so schön sagt – nichts gepfiffen. Ich war Natur pur – ich war, wie ich bin. Freilich auch ehrgeizig in der Sache. Klar wollte ich gut tanzen. Aber da war Spaß dabei, kein Muss. Im Arbeitsleben wird Spaß ja bereits als leistungshemmend diffamiert.

Spaß soll das Champions-League-Schauen bei Puls 4 auf jeden Fall machen mit dem Entertainer Schinkels.

Schinkels: Aus mir kann vielleicht einmal ein Entertainer werden. Jetzt will ich gutes Infotainment machen. Ich will informieren. Ich fühle mich auch als Journalist, der ich als Zeitungskolumnist ja auch bin. Ich möchte mit Unterhaltungswert informieren. Vorbild dabei ist mir einer wie der Armin Assinger. Wenn man einmal sagen würde, der Schinkels ist der Assinger des Fußballs – das wär‘s dann, was ich mir wünsche.

Hat Puls 4 mit dem Frenkie Schinkels eigentlich einen waschechten Österreicher „eingekauft“?

Schinkels: Ich definiere mich selbst als Durch-und-durch-Österreicher. Ein herrliches Land, nette Menschen, große Lebensqualität. Holländisch ticke ich nur noch im Fußball. Das muss ich zugeben. Ich glaube an die holländische Fußballschule. Ich sehe auch in meiner Geburtsstadt Rotterdam jede Menge öffentliche Fußballplätze. Da spielen die Kleinen mit und gegen die Großen. Da entsteht Potenzial, das die Erfahrung der Straße mitbringt. In Wien gibt es ein paar eingegitterte Plätze zum Ballspielen. Die sehen aus wie Gefängnisse, in denen gerade mal einer wie der Felix Baumgartner mit seiner Rakete hineinkommt.

Dass Sie überhaupt nach Österreich gekommen sind, hat damit zu tun, dass Sie fußballerisch wie ein Holländer getickt haben. Aber auch damit, dass Sie ein bisschen wie eine Zeitbombe getickt haben.

Schinkels: So schlimm war es zwar nicht. Aber es stimmt. Ich habe in einem Spiel der Ehrendivision einem Schiedsrichter – wie man hier so schön sagt – einen Spitz gegeben. Der Skandal war groß. Daraufhin wurde ich von Excelsior Rotterdam entlassen. Ich war ein großes Talent mit einer nicht ganz so einfachen Jugend. Da hat es eben geknallt. Ich bin als Dumpfbacke nach Österreich – nach Salzburg – gekommen. Und hatte hier die Chance, mich ordentlich zu entwickeln.

Eigentlich hätten Sie ja bei Wacker Innsbruck landen sollen.

Schinkels: Richtig. Der große Hugo Hovenkamp hat in Innsbruck gespielt, hat mich im Sommer 1985 den Tirolern angeboten. Aber die haben damals den Hansi Müller verpflichtet. Aber ich bin auch so als Spieler in Österreich ganz schön herumgekommen: SAK, Wiener Sportklub, Austria Wien, Spittal an der Drau, VOEST Linz, St. Pölten, Austria Salzburg.

Um am 27. Mai 1992 den größten Erfolg als aktiver Spieler zu feiern.

Schinkels: Diesen Erfolg verdanke ich zum Teil auch einem Tiroler: Der Didi Constantini hat mich damals als Co-Trainer von Teamchef Ernst Happel nachträglich ins ÖFB-Team einberufen, weil sich Peter Stöger verletzt hatte. Österreich hat in Sittard zwar mit 2:3 verloren, aber ich habe einen Flugkopfball im Tor meiner Landsleute versenkt. Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch eine Gänsehaut.

Sie sind seit 1987 österreichischer Staatsbürger, haben sechs Mal im rotweißroten Nationalteam gespielt. Vielleicht werden Sie ja noch einmal österreichischer Teamchef.

Schinkels: Ich habe zu viel erlebt, um so etwas kategorisch auszuschließen. Aber Fakt ist, dass der rotweißrote Fußball seit vielen Jahren den Erwartungen hinterherhinkt. Und da kann man nicht den Fußballern die Schuld geben. Man produziert seit Jahren unrealistische Hoffnungen. Und bestraft dann die Trainer dafür, dass die nicht erfüllt werden. Beim ÖFB klopft man sich ob der Jugendausbildung auf die Schultern, weil sie gute Athleten produzieren. Aber die müssen noch nicht unbedingt gute Fußballer werden. Fakt ist, dass wir technisch anderen Nationen weit hinterherhinken. Ohne Technik keine Klasse. Und dass ein Alaba als Alibi für die Richtigkeit des österreichischen Weges herhalten muss, finde ich nicht korrekt. Also runter vom Gas, raus aus der Illusionsblase – rein ins richtige Fußballleben, um dort seriös zu arbeiten. Dann ist einiges möglich.

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mi, 01.08.2012  14:38
aktualisiert: Fr, 10.08.2012  01:02
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