12.08.2012
Politische Bildung an Schulen

„Entschuldigung, aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet“

Politische Bildung an den Schulen: Ja, bitte! Ein prämiertes Projekt macht Schülern Mitgestaltung schmackhaft und zeigt, dass Jugendliche keineswegs desinteressiert sind.

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – Wenn 18-Jährige nicht wählen gehen, weil sie sich zu wenig informiert fühlen, dann liegt für Veronica Weber und Sarah Ertl so einiges im Argen. Immerhin dürfen in Österreich schon 16-Jährige ihre Stimme abgeben. Mit der Initiative Politische Bildung für Jugendliche, kurz PoBi, ist es den beiden im vergangenen Jahr gelungen, das Interesse vieler junger Menschen für das politische demokratische System zu wecken. Das Projekt wurde als eine von fünf Gewinnerideen des Jahres 2012 beim Ideenkanalwettbewerb des Landes ausgezeichnet (ideenkanal.com). Rund tausend Schülern habe man bereits Mitgestaltung und Mitbestimmung schmackhaft machen können, so Projektleiterin Victoria Weber. Nun soll die Initiative Schulen im ganzen Land angeboten werden. Die Nachfrage ist groß, sogar Schulen aus anderen Bundesländern hätten bereits ihr Interesse bekundet.

PoBi lässt Schüler in die Rolle politischer Mandatare verschiedener Parteien schlüpfen und über Vorhaben abstimmen – etwa über den Bau von Kraftwerken, die Einrichtung eines Einkaufs- oder Jugendzentrums in der Gemeinde oder auch die Legalisierung von Drogen. Wenn die Schüler Gemeinderat spielen, lernen sie zu diskutieren und zu argumentieren. Aber auch Podiumsdiskussionen mit „echten“ Politikern werden organisiert, und dabei erwiesen sich die Schüler bisher immer als höfliche, aber auch beharrliche Fragesteller. „Warum haben Sie sich nie für uns Jugendliche eingesetzt?“, lautete etwa eine Frage. Oder: „Wie ist das eigentlich mit den Jagd-Einladungen?“ Fällt die Antwort ausweichend aus, kann es dann schon auch heißen: „Entschuldigung, aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Die Schüler sind sehr engagiert“, sagt Politologin und Sprachwissenschafterin Sarah Ertl, PoBi-Hauptreferentin. „Das Interesse ist groß. Viele sind dankbar, einen Einblick in die Abläufe in der Politik zu bekommen.“ Die rege Beteiligung stehe im Gegensatz zu dem mangelnden Interesse in der Bevölkerung für die Politik. Das Problem liegt ihrer Meinung nach bei den Schulen, dort würde zu wenig über politische Themen diskutiert. „Es kann aber nicht sein, dass die Demokratie zu Ende ist, nur weil niemand mehr über Inhalte spricht.“ Und Victoria Weber – die Gemeinderätin kandidierte schon im Alter von 18 Jahren in Schwaz – legt nach: „Es gibt noch viel zu tun, wenn wir nicht wollen, dass die Frage nach dem Namen des österreichischen Bundespräsidenten einmal mit ,Arnold Schwarzenegger‘ beantwortet wird.“ Ihrer Meinung nach kommt die Politische Bildung in den Schulen zu kurz.

Für Landesschulratspräsident Hans Lintner tragen die Schulen große Verantwortung, was das Interesse junger Leute an Politik betrifft. „Wählen mit 16 ist eine Chance, sich möglichst früh mit Politik zu befassen. Jugendliche sollten von den Lehrern darauf angesprochen werden, damit sie sich auch gewachsen fühlen.“ Er unterstützt die Kontaktaufnahme mit politischen Mandataren, dabei dürfe es aber nicht um parteipolitische Werbung gehen.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 12.08.2012
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