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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 11.11.2012

Asyl

„Kinder hätten die besten Chancen auf echte Integration“

Immer jüngere Kinder landen allein in Österreich – 560 warten in Traiskirchen. Ihre Betreuung überfordert die Länder. Auch Tirol blockt ab.

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Von Liane Pircher

Innsbruck – Der Asylgipfel, bei dem es um eine gerechte Aufteilung der Asylwerber auf die Länder ging, hat Bewegung gebracht. Tirol muss bis Ende November 110 neue Asylwerber (Erwachsene und Familien) aufnehmen. Flüchtlingskoordinator Meinhard Eiter hat alle Hände voll zu tun. 44 sind schon da. Für Traiskirchen ist die Welt noch lange nicht in Ordnung: Noch immer ist die Erstaufnahmestelle mit 1500 Asylwerbern um 700 bis 800 überbelegt. Niederösterreichs Landeschef Erwin Pröll will einen Aufnahmestopp. Besonders drastisch ist die Lage für unbegleitete Minderjährige, die – ohne Eltern – über Umwege in Österreich gelandet sind. Für diese hat der Asylgipfel keine Lösung gebracht. Dabei warnen Helfer, dass immer jüngere Kinder hier stranden. Von den 560 minderjährigen Asylwerbern in Traiskirchen sind 34 unter zehn Jahre alt. Allein Tirol müsste 95 unbegleitete Minderjährige aufnehmen, aktuell leben 51 hier. Für die Obsorge der Kinder ist die Tiroler Jugendwohlfahrt verantwortlich. Ein einziger Sozialarbeiter ist für die Rechtsvertretung und Krisenintervention abgestellt. Die Jugendwohlfahrt sieht sich über eine weitere Aufnahme nicht hinaus: „Eine Aufnahme von zusätzlichen unbegleiteten Minderjährigen, auch nur in geringer Zahl, ist in Tirol nur möglich, wenn die Ressourcen wesentlich erhöht werden“, sagt Silvia Rass-Schell, Chefin der Jugendwohlfahrt.

Die Betreuung der Kinder haben andere Träger, etwa das SOS-Kinderdorf, übernommen. Was die tägliche Arbeit mit Kindern heißt, weiß Lorenz Kerer, Leiter vom Biwak in Hall. Hier leben 12 Kinder und Jugendliche, die meisten sind aus Afghanistan. Vor allem für Kinder braucht es ein qualitativ gutes Konzept, weil sie mehr Zuwendung bräuchten. Gleichzeitig, so Kerer, bestünde hier die größte Chance, weil Kinder extrem motiviert sind: „Sie lernen schnell Deutsch, sie wollen in die Schule, sie integrieren sich am leichtesten.“ Mit 18 müssen sie ausziehen. Nach acht Jahren Biwak zeigt sich, dass der Großteil durch gute Betreuung fähig ist, sich selber zu erhalten: „Keiner lebt von Sozialhilfe, alle arbeiten.“ Nur mit Geldern vom Bund wäre das Biwak mit seinen hohen Qualitätsstandards nicht finanzierbar, ohne Spenden geht es nicht. Ein Knackpunkt ist, dass es für Asylwerberkinder nur die Hälfte an Tagsatz gibt wie für österreichische, die unter der Obhut der Jugendwohlfahrt stehen. Halbes Geld für ganze Kinder macht die Arbeit doppelt schwer. Um notwendige Ressourcen für Minderjährige ist LHStv. Reheis bemüht. Er stellt aber klar: „In der Frage nach der Unterbringung unbegleiteter, minderjähriger Fremder kommen wir um eine bundesweite Lösung nicht umhin.“ Analog zum Asylgipfel könnte er sich eine Veranstaltung zu diesem Thema vorstellen.

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