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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 27.11.2012

Retter mit gutem Riecher

Mit feiner Nase unterwegs: 220 Millionen Geruchszellen helfen Lawinenhunden beim Aufspüren von Verschütteten. Beim jährlichen Einsatztest der Tiroler Bergrettung müssen sie ihr Können unter Beweis stellen.

Von Miriam Hotter

Neustift – Schäferhund Wiko­ wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und schaut gespannt auf die fünf großen Schnee- haufen, die auf dem Übungsfeld am Stubaier Gletscher aufgeschüttet sind. Der Lawinenhund zittert – jedoch nicht vor Kälte, sondern vor Aufregung. Bergretter Georg Ruetz kniet sich neben seinen Hund und zeigt mit der Hand auf die Schneehaufen, unter denen sich Bergrettungsmitglieder verstecken. Mit dem Befehl „Such“ lässt er das Tier los. Wiko ist heute einer von 14 Lawinenhunden, die für die Bezirksstelle Innsbruck der Tiroler Bergrettung den jährlichen Einsatztest bestehen sollen.

Stefan Hochstaffl aus Gerlos ist der Leiter der Tiroler Lawinenhundestaffel. „Bei einem Einsatz zählt jede Sekunde“, weiß er. In den ersten 15 Minuten sinke die Überlebenschance eines Verschütteten auf 30 Prozent. Ein Lawinenhund mit seiner feinen Spürnase ist laut Hochstaffl das beste Hilfsmittel des Bergretters, den Verschütteten so schnell wie möglich zu finden. Der Geruchssinn des Hundes ist nämlich – je nach Rasse – zwischen vierzig und hundertmal stärker als der des Menschen. Während der Mensch nur etwa fünf Millionen Geruchszellen hat, bringt es bereits ein Dackel auf 125 Millionen, ein Schäferhund verfügt dank seiner langen Nase sogar über 220 Millionen Geruchszellen.

Jetzt ist Wikos Spürnase gefragt. Der Hund rennt zielstrebig auf einen der Schneehaufen zu, schnuppert kurz und beginnt sofort mit seinen Vorderläufen zu graben. Schneeklumpen fliegen durch die Luft, während der Rüde mit vollem Körpereinsatz buddelt. Ruetz eilt ihm mit einer Schaufel zu Hilfe und innerhalb weniger Sekunden erscheint der unter drei Metern Schnee vergrabene Bergretter. Wiko packt ihn an seiner Jacke und zieht ihn aus seinem Versteck. „Insgesamt müssen zwei Verschüttete pro Hund gefunden werden“, erklärt Hochstaffl. Gehorsam sowie Geschicklichkeit sind im Einsatz von großer Bedeutung. „Wir schauen, ob der Hund sich vom Besitzer lösen kann, sich leicht ablenken lässt und die Befehle befolgt“, sagt Hochstaffl.

Doch Wiko hat den Eignungstest bestanden und gehört somit zu den insgesamt 45 einsatzfähigen Lawinenhunden der Bergrettung in Tirol. „Wir sind die einzige Organisation, in der Mensch und Tier eine alpine Ausbildung haben“, sagt Hochstaffl stolz. An Wochenenden und Feiertagen ist die Bergrettung Tirol mit einem Lawinenhund ab der Lawinenwarnstufe 3 bei den Christophorus-Stützpunkten stationiert, um schneller beim Einsatzort eintreffen zu können. In den letzten Jahren wurden 13 Verschüttete in Tirol durch einen Hund gerettet.

Aber nicht jeder Hund kommt für den Einsatz in einem Lawinengebiet in Frage. Zu kleine und zu große Hunde scheiden aus. Anders als die meisten Menschen annehmen, sind Bernhardiner zu schwer für den Job. Sie brechen nämlich leicht im Schnee ein. Der Lawinenhund muss eine gute körperliche Konstitution haben, um den ganzen Tag im Hochgebirge mitlaufen zu können. Oftmals trifft man den Deutschen Schäferhund in Lawinenhundeteams an, doch auch Labradore, Mischlinge oder Golden Retriever lassen sich gut trainieren. Bis zum 8. Dezember müssen alle Lawinenhunde in den neun Bezirken den Eignungstest absolvieren.

Schäferhund Wiko hat seine Prüfung nun hinter sich. Und als ob der Rüde über seinen Erfolg Bescheid wüsste, setzt er sich ganz entspannt an den Rand des Lawinenübungsfeldes und schaut seinen vierbeinigen Kollegen zu, wie sie nach den „Verschütteten“ graben.