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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 08.01.2013

Im Krieg für den Glauben

Für „Paradies: Glaube“ erhielt Ulrich Seidl in Venedig den Preis der Jury und eine Anzeige. Am Freitag ist er bei der Premiere im Leokino zu Gast.

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Von Peter Angerer

Innsbruck – Die Protagonistin von „Paradies: Glaube“ war bereits im ersten Teil der Paradies-Trilogie zu sehen, denn Anna Maria (Maria Hofstätter) ist die Schwester der Sextouristin Teresa, die in „Paradies: Liebe“ aufgebrochen ist, um in Kenia trügerisches Glück und Erfüllung zu finden. Anna Maria hat als Röntgenassistentin sozusagen den totalen Durchblick, aber wir begegnen ihr erst am letzten Arbeitstag, bevor sie ihren Urlaub antritt. In nur drei Einstellungen gelingt es Ulrich Seidl, Anna Marias Position zu beschreiben. Sie ist professionell im Umgang mit den Patientinnen, ihre Abwesenheit wird aber nicht auffallen. Da sie den Urlaub zu Hause verbringen möchte, wird sie auch nicht beneidet.

Anna Maria sucht sofort ihr Buß- und Betzimmer auf, da überall das Böse lauert. In ihrem Schreibtisch hortet sie Utensilien wie Peitsche und Bußgürtel aus dem erotischen Fachhandel. Sie macht sich frei und lässt die Hiebe auf ihren Rücken knallen. Wenn das auch nicht hilft, klemmt sie den Bußgürtel um den Körper und saust kniend ein paar Runden durch den ersten Stock ihres Hauses. Das sind Szenen von surrealer Komik, die mit großem Ernst absolviert werden.

Den Tag beginnt sie mit dem Einpacken einer Marienstatue aus ihrer beachtlichen Sammlung, die sie in von Gott verlassene Gegenden transportiert. Dort läutet sie bei verblüfften Menschen, die dem Zaubersatz „Die Muttergottes möchte Sie besuchen“ nur selten widerstehen können. Na ja, eine Gastarbeiterfamilie versteht den Satz nicht richtig, weshalb die Missionarin einschlägiges Schriftgut übergibt: „Damit lernen‘s auch Deutsch!“ In den Wohnungen des Bürgertums oder den Villen der Reichen versucht Anna Maria gar nicht erst ihre „Wandermuttergottes“ abzustellen, als ob die Wohlhabenden bereits Gott gefunden hätten. Die gehören jedoch nicht zum Personal des Seidl-Mikrokosmos. Manches Mal besucht Anna Maria einen Betkreis mit Gleichgesinnten, denn „Österreich muss wieder katholisch werden. Amen.“

Auf dem Heimweg glaubt Anna Maria, ein verletztes Tier zu hören und schlägt sich mutig in die Büsche. Auf einer vom Mond illuminierten Lichtung findet die Frau jedoch ein Knäuel aus ineinander verschlungenen Freiwilligen aus einem nahen Swingerclub. Sie könnte sich bei dieser Laokoon-Gruppe aus Lust und Sünde einbringen oder mit der Heiligenfigur beten und bitten, doch im Kampf der Gefühle obsiegt zuerst einmal der Wille zur eingehenden Betrachtung des Geschehens. In der Sicherheit ihres Buß- und Betzimmers greift Anna, animiert vom eben Gesehenen, nicht zur Geißel, sondern zum Kruzifix, leckt am Holz, küsst die Figur an delikater Stelle und schlüpft unter die schützende Bettdecke.

Eines Abends nimmt Anna Maria eine beunruhigende Witterung in ihrem Haus auf. Irgend etwas hat sich verändert und tatsächlich thront Nabil (Nabil Saleh), der seit Jahren verschollene Ehemann, in seinem Rollstuhl und fordert alte Rechte, eigentlich Pflichten, ein. Damit erklärt sich zwar der Behindertenlift im Haus aber nicht die Form der Beziehung, denn der gelähmte Moslem verlangt von seiner Frau Unterwerfung. In dieser Machtdemonstration strapaziert Seidl ein wenig die Glaubwürdigkeit und die Möglichkeiten seines Stars Maria Hofstätter, die sich sehr bemühen muss, bei einer körperlichen Auseinandersetzung dem hilflosen Mann nicht zu entkommen. Die Konstruktion unterstützt nur den Wechsel vom schwelenden Ehekrieg zum fanatischen Glaubenskrieg, dessen Ausgang ungewiss bleibt.

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