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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 21.01.2013

Lektionen aus der Seifenblase

Als Forscher wie als Visionär des Bauens hat Frei Otto aus der Natur wegweisende Lehren für die Architektur gezogen. Und bleibt auch im Rückblick hochaktuell, wie derzeit das aut zeigt.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck – „Form Follows Function“ postulierte einst der amerikanische Architekt Louis Henry Sullivan als Gestaltungsgrundsatz, den ein paar Jahrzehnte später die Protagonisten des Bauhaus für sich reklamieren und eifrig anwenden sollten. „Form Follows Nature“ titelt in Anlehnung daran Rudolf Finsterwalders 2011 bei Springer erschienene Publikation – mit dazugedachtem Fragenzeichen: Spreche man von der „Natur als Modell für Formfindung in Ingenieurbau, Architektur und Kunst“, so Finsterwalder, dann gehe es keineswegs um 1:1-Übertragungen, sondern vielmehr um Transformation.

Dafür liefert einer die Belege, der die Formen der Natur so früh und intensiv wie kaum ein anderer erforscht hat: Frei Otto, 1925 in Sachsen geboren, Architekt des schwebenden Dachzeltes für das Münchner Olympiagelände (1972) oder des Ministerratsgebäudes in Riad (1982), aber eigentlich mehr Forscher und Visionär als Vielbauer. 1958 gründet er das private Forschungsinstitut „Entwicklungsstätte für den Leichtbau“, von 1964 bis 1991 ist er Leiter des „Instituts für leichte Flächentragwerke“ in Stuttgart. Und betreibt – in einem interdisziplinären Team von Wissenschaftern – Grundlagenforschung: An Vogelnestern, Zellen, Knochen, Halmen, Spinnennetzen, Seifenblasen, Wassertropfen, in Versuchsanordnungen, Ketten- und Fadenmodellen, Holzgitterschalen, Schüttkegeln, Pneus und vielem mehr.

Dass bei Frei Otto Architektur in Richtung Nachhaltigkeit und Ökologie gedacht wird, ist nicht nur logische Konsequenz aus der Beschäftigung mit der Natur, sondern ganz klar auch innere Haltung. In der sich auch die Ästhetik hinten anzustellen hat: „Das ästhetische Element kann man nicht direkt planen. Eine ästhetische Form steht am Ende eines Prozesses. Allein mit dem Willen zur Schönheit wird man sie nicht erreichen. Wenn wir ehrlich gearbeitet haben, bekommen wir sie manchmal geschenkt“, lautet eine Aussage Frei Ottos, der am 14. März im Rahmen eines aut-Gesprächs in Innsbruck zu Gast sein wird. Um vielleicht auch von dem letzten Projekt zu erzählen, an dem er – zusammen mit Christoph Ingenhoven – aktiv beteiligt war: Die Arbeit an Stuttgart 21 legte er angesichts der massiven Proteste und Ausschreitungen zurück, im aut sind dazu aber einige Modelle zu sehen.

Auch das ein triftiger Grund, Frei Otto in „Form Follows Nature“ nicht zu „historisieren“, was ein unbedingtes Anliegen ihrer Gestalter Rudolf und Maria Finsterwalder (Finsterwalder Architekten) ist. Vielmehr will man das Hochaktuelle seiner Position hervorstreichen – indem ein assoziativer und „subjektiver“ Bogen zu eigenen sowie zu Arbeiten des Künstlers Carsten Nicolai gespannt wird. Das ist als Ansatz durchaus nachvollziehbar, dennoch hätte man sich in der Ausstellung – nicht nur räumlich – eine konzentriertere Auseinandersetzung mit ihrem offensichtlichen Impulsgeber gewünscht. Im Obergeschoß lädt dazu – neben einer Kunst- und Wunderkammer der Naturformen im Stahlregal – immerhin eine Art Studierstube mit Publikation, Filmen und Interviews ein. Zu den Modellen aus den Archiven von Frei Otto muss man dann in den Keller hinuntersteigen. Und erlebt unterwegs im Reich von Finsterwalder Architekten so manches Déjà-vu, nicht nur angesichts von zarten Gitterschalen-Modellen für Scheunendächer.

Es geht auch hier ums Erforschen und Verstehen von Entstehungsprozessen in der Natur. Was, wie Frei Otto im Gespräch mit Rudolf Finsterwalder beklagt, heute viele als „zu mühseligen Weg“ scheuen, wo man doch so vieles am Computer errechnen könne. Doch zwischen organisch nachempfundener Form und organischem Bauen bestehen gravierende Unterschiede – dafür, sagt Rudolf Finsterwalder, gebe es auch in Innsbruck so manches Beispiel.

Errechnen könnte man vermutlich auch die Reaktion einer Wasseroberfläche auf bestimmte Tonfrequenzen. Wobei das Experiment weitaus anschaulicher und in „Form Follows Nature“ ein künstlerischer Beitrag ist, den der im Grenzbereich zwischen Kunst und Wissenschaft agierende Carsten Nicolai in seiner „Wellenwanne“ anstellt. Und der Wasseroberfläche in ihrer eigenwilligen Logik ganz wundersame Strukturen entlockt.