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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 25.01.2013

Zensur

„Nicht das Wort verletzt mich“

Politisch korrekt wird das Wort „Neger“ aus Kinderbuch-Klassikern gestrichen. Eine Zensur bekämpft aber nicht die Gesinnung, sagen ein Sprachwissenschafter und ein Pfarrer aus Togo.

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Von Matthias Christler

Innsbruck – Aus dem Gedächtnis gelöscht. Oder doch nicht. Was kommt einem als Erstes in den Sinn, wenn man an „Zehn kleine ...“ denkt? Wie lautet der ganze Titel? Die Suchmaschine Google hilft oft weiter, aber in diesem Fall nicht, denn wer in das Suchfeld die Worte „Zehn kleine“ eintippt, bekommt „Fingerlein“ oder „Kinderlein“ vorgeschlagen. Nicht aber das böse N-Wort. Der Zählreim von den „Zehn kleinen Negerlein“, die in den ersten deutschen Versionen um 1920 noch zu zwölft waren, wird zwar nicht mehr laut erzählt, doch im Gedächtnis ist er hängen geblieben.

Manches verschwindet im Laufe der Zeit ganz von selbst. Oder es wird nachgeholfen. Im Kinderbuch-Klassiker „Pippi Langstrumpf“ hat sich der „Negerkönig“ bereits zu einem „Südseekönig“ verwandelt. Nun soll auch im Buch „Die kleine Hexe“ jene Szene entschärft werden, in der sich Kinder als „Neger“ verkleiden. An diesem Begriff scheiden sich die Geister. Politisch korrekt könne er nicht mehr verwendet werden, meinen die einen. Im historischen Kontext, in welchem die Bücher geschrieben wurden, sei er jedoch angebracht und die Textstellen dürften nicht durch Zensur verfremdet werden, halten andere entgegen.

Vor allem Sprachwissenschafter sind gegen die Abschaffung. „Kinder sollen ältere Begriffe und deren Bedeutung kennen lernen. Weniger das Wort ist in den Kinderbüchern problematisch, sondern bei einigen der ideologische Hintergrund“, sagt Thomas Schröder, der das Ins­titut für Germanistik an der Universität Innsbruck leitet.

Im Fall von „Oliver Twist“ mit teils sehr fragwürdigen Stellen seien Fassungen für Kinder mit Kommentaren herausgegeben worden. Ähnlich hätte sich Schröder beim Begriff „Neger“ einen Verweis vorstellen können, welcher erklärt, „warum das Wort heute nicht mehr verwendet werden soll“.

Diese Meinung vertritt genauso Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger, die in einem Zeit-Kommentar eine Zensur ablehnt: „Mit Kindern kann man nämlich sehr vernünftig reden. So wie sie verstehen, dass in einem Buch, das vor 30 Jahren geschrieben wurde, die Kinder kein Handy, aber einen Plattenspieler haben, so würden sie auch verstehen, dass damals das Wort Neger üblich war und ein verändertes Bewusstsein eine veränderte Sprache bringt.“ Sie selbst werde in einem neuen Werk ihren Großvater in einer Szene aus dem Jahr 1945 das Wort „Neger“ sagen lassen. „Tut mir leid, aber exakt so hat er es gesagt und es kein bisschen böse gemeint.“

Während in Deutschland um Kinderbücher gestritten wird, ist in den USA eine Diskussion um den Film „Django Unchained“ entbrannt. In der Originalversion wird über 100 Mal „Nigger“ gesagt. Regisseur Quentin Tarantino verteidigt die derben Dialoge mit dem Hinweis, dass er die damalige Realität wiedergeben wollte.

Bis in die 70er Jahre hinein war es im deutschen Sprachraum üblich, „Neger“ zu sagen, aber wie verletzend ist das Wort heute? „Das kommt darauf an, wie es gebraucht wird“, sagt Augustin Kouanvih. Er kommt aus dem westafrikanischen Togo und ist Pfarrer in St. Anton am Arlberg. „Das Wort allein ist für mich gar nicht so schrecklich. Freunde, die mich so nennen, denen bin ich nicht böse. Nicht das Wort verletzt mich.“ Wenn jemand allerdings „Neger“ absichtlich böse verwende, dann spüre er das und weise sein Gegenüber darauf hin.

Der „Neger“ in Kinderbüchern stört Kouanvih wenig. Wie Nöstlinger glaubt er, dass Rassismus eine Gesinnung ist, die allein durch die Zensur eines Wortes nicht ausgelöscht wird. Kinder lernen nicht aus Kinderbüchern, sondern von ihren Eltern. Das hat Pfarrer Augustin erlebt. „Die Kinder sind die Unschuld, sie sind ehrlich und sprechen das aus, was ihre Eltern denken.“ Als er in der Pfarre angefangen habe, schüttelte er oft Kindern die Hände – und deren Reaktion überraschte ihn: „Sie haben geschaut, ob ihre Hände schmutzig sind. Diese Angst muss ihnen jemand mitgegeben haben“, glaubt er.

Doch dieselben Kinder waren es auch, die nach Gesprächen mit dem Pfarrer schnell verstanden hätten, dass er nicht schmutzig oder anders wie sie sei. Manche würden ein bisschen Zeit brauchen. Jetzt sei er allerdings nicht mehr der „Neger“ in der Kirche oder der „schwarze“ Pfarrer, sondern nur noch ihr Pfarrer.

In Büchern oder Filmen sind Begriffe wie „Neger“, „Schwarze“ oder „Farbige“ angebracht, um den historischen Zusammenhang nicht zu vergessen, im Alltag jedoch sollten sie – wie beim Pfarrer aus Togo – überflüssig sein. Augustin Kouanvih erklärt warum: „Ich sage zu den Tirolern ja auch nicht ‚ihr Weiße‘.“

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