Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 06.02.2013

Sehnen, wähnen und träumen

Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ erstmals am Tiroler Landestheater. Szene aus Regensburg, Musik vom Innsbrucker Ensemble erarbeitet.

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Erich Wolfgang Korngold galt in seiner Wiener Jugendzeit als Wunderkind und legte 1920 mit der Uraufführung seiner Oper „Die tote Stadt“ als 23-Jähriger einen unfassbaren Talentbeweis ab. Vater Julius Korngold, in Hanslicks Nachfolge einflussreicher Musikkritiker in Wien, hatte mit seinem Sohn das Libretto zur „Toten Stadt“ nach Georges Rodenbachs symbolistischem Text „Bruges La Morte“ verfasst. Darüber hinaus beeinflusste der die Neue Musik seiner Zeit erbittert bekämpfende Vater wohl entscheidend die stilistische Entwicklung des Sohnes. Erich Wolfgang hielt sich für fortschrittlich, ging aber innerhalb seines verschiedene Einflüsse aufsaugenden Klangrausches nie über geordnete Tonalitätsverhältnisse und raffinierte Reizdissonanzen hinaus. Er hatte ein Nahverhältnis zur Unterhaltungsmusik, scheute nicht das Wiener Sentiment und die Einflüsse von Strauss, Puccini, Mahler, Debussy. Dennoch ist seine Musik meisterhafter Korngold.

Alexander Rumpf und das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck bewältigen den schwierigen und klippenreichen, aber auch dankbaren Orchesterpart mit Hingabe, erschwert durch ausgelagerte, durch Monitore verbundene Teile des überinstrumentierten Orchesters, dessen Musikermenge der Graben des Tiroler Landestheaters nicht aufnimmt. Rumpf gelingt in dieser üppigen Klangwelt das Kunststück ruhiger, magischer und sinnlicher Momente, einer orchestralen Charakterisierung von Realität und Traum und die maximal mögliche Transparenz.

Außerordentlich die Hauptdarsteller. Paul ist in der Trauer um seine verstorbene Frau Marie gefangen und huldigt ihr in einem eigenen Raum, seiner „Kirche des Gewesenen“. Als er der seiner Frau äußerlich gleichenden Tänzerin Marietta begegnet, brechen in einem Traum seine durch den ehelichen Treueschwur und religiöse Fixierung gebundenen sexuellen Fantasien durch. Doch Marietta „entweiht“ seine Marie-Fetische und wird von Paul mit dem aufbewahrten Haar Maries erdrosselt. In die Realität zurückgekehrt, erkennt Paul seinen Wahn.

Paul hat eine der besten, aber auch forderndsten Tenorrollen des 20. Jahrhunderts. Wolfgang Schwaninger, der einen ältlichen, verklemmten, hageren Paul darstellt, begibt sich klanglich bewusst langsam in das Erwachen dieses Mannes und kann seine stimmliche Strahlkraft immer weiter steigern, hat am Ende auch noch leuchtend zarte Töne. Mariettas Rolle, eingebunden in die Erscheinung der toten Marie, ist ebenso mörderisch. Susanna von der Burg sang sie bei der Premiere am Samstag licht, leicht und doch kraftvoll mit weiblicher Naturgewalt, das zunehmend Schillernde ihres Soprans passt hier gut. Anna Maria Dur zeigte als Haushälterin Brigitta ihren schönen, ebenmäßigen Alt, Joachim Seipp als Franz seinen Charakterbariton. Als Pierrot Fritz hatte Daniel Raschinskys junger, noch nicht ganz erblühter Bariton den schönen Moment des ausschwingenden Liedes „Mein Sehnen, mein Wähnen“. Mariettas Lebenslust unterstreicht ihre Truppe mit Susanne Langbein, Kristina Cosumano, David Laera, Joshua Lindsay und Florian Stern. Durchschlagend bis bedrohlich von der Galerie herab im Prozessionsbild der Chor.

Die Inszenierung von Ernö Weil in der imposanten und prägenden Ausstattung von Karin Fritz übernahm Intendant Johannes Reitmeier vom Theater Regensburg. Weil greift die Elemente von tragischer Operette, Traumspiel, Filmmelodram und Psychodrama auf, lässt im nebeligen Straßenbild verzerrt geschminkte Nonnen vorbeiziehen, Mariettas surreal kostümierte Komödianten leichtfüßig mit silbernen Bällen spielen und Franks Dämonen der Sinnlichkeit allmählich ihrem Gefängnis entkommen. Die Prozession zieht in übergroßen Bildern alles Geschehen, alle Emotionen überblendend filmisch vorüber. Weil erzählt die Geschichte genau und fasslich in eindrucksvollen Bildern. Nur an einen geläuterten, von Nekrophilie und Obsessionen geheilten Paul mag der Regisseur am Ende nicht glauben: Paul verharrt zunehmend schemenhaft vor gleißenden Scheinwerfern.