Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 06.02.2013

Film-Idole am Prüfstand

Einfach zu schön, um wahr zu sein

Sie sind erfolgreich, bezwingen das Böse, sind schön, klug, bescheiden, womöglich auch noch reich, und natürlich angeln sie sich die interessantesten Typen. Einfach zu perfekt, um wahr zu sein: die so genannten Heldinnen aus TV und Kino.

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Sie heißen Katniss Everdeen, Bella Swan, Hannah Montana oder Kim Possible – und so verschieden sie auch sind, sie haben eines gemeinsam: Als Vorbild können sie Mädchen ganz schön unter Druck setzen. Denn im Gegensatz zu Menschen aus dem realen Leben mit all ihren Schwächen und Fehlern gibt es kaum ein Gebiet, auf dem die Idole der Kindheit und Jugend nicht ganz vorne mit dabei sind. Ihnen nachzueifern, ist schwierig oder überhaupt unmöglich. Sich mit ihnen zu vergleichen, frustrierend.

Die Tiroler Psychologin Daniela Renn, Leiterin des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen, empfiehlt jungen Menschen deshalb, sich ihre Vorbilder im privaten Umfeld zu suchen: „Personen, die im Hier und Jetzt und anwesend sind, können unseren Jugendlichen realitätsnahe Orientierung geben. Diese Menschen sind greifbar. Man sieht, wie sie in Wirklichkeit agieren.“ Das könne die Freundin sein, vielleicht auch die eigene Schwester. Wichtig sei es, zwischen Realität und Phantasie zu unterscheiden. Außerdem seien die so genannten Heldinnen aus Film und Fernsehen nicht zwangsläufig auch Vorbild: „Jemand, der einen Mord begeht – und sei es nur, um das Böse zu besiegen –, hat keine positive Bewunderung verdient. Ein Mord ist eine abscheuliche Tat und sollte nicht romantisiert oder verherrlicht werden.“

Bei manchen Filmen gehe es vielleicht aber auch nur darum, sich in eine Phantasiewelt hineinzuträumen, sagt die Psychologin und nennt als Beispiel die Twilight-Reihe, bei der sich die Schülerin Bella Swan in einen Vampir verliebt. Aus Liebe zu ihm wird sie selbst zum Vampir. Renn: „Es ist zu bezweifeln, dass Mädchen wirklich so ein Leben führen wollen.“ Der Vampir Edward Cullen sei im Vergleich zum Mann von nebenan aber außergewöhnlich, etwas Besonderes, zu dem man aufschauen könne. Wer sich mit ihm abgibt, werde selbst besonders.

Und was sagen junge Mädchen selbst zur Protagonistin aus Twilight? „Bella ist fremdbestimmt, sie gibt sich auf und lässt sich kontrollieren“, bemerken etwa die beiden Schülerinnen Maria (16) und Johanna (15) durchaus kritisch. Ganz schlecht schneiden ihrer Meinung nach die Hauptdarstellerinnen in den verschiedensten Barbie-Filmen ab, die immer schön, klug und von einwandfreiem Charakter sind. Und natürlich gelingt es ihnen immer, das Böse zu besiegen: „Das ist einfach übertrieben, zu perfekt, die Figuren unrealistisch.“ Die beiden Mädchen ziehen Charaktere mit menschlichen Eigenschaften vor – mit guten Seiten, aber auch mit kleinen Schwächen und Fehlern, mit denen sie zu kämpfen haben. Aber selbstbewusst und selbstständig.

Eine, die Kindern seit Jahrzehnten Mut macht, ist die freche Pippi Langstrumpf, das „stärkste Mädchen der Welt“. Als Heldin ist natürlich auch sie unerreichbar, doch hat sie Generationen von Mädchen ermuntert, an sich zu glauben, und gilt sogar als literarisches Vorbild der Frauenbewegung.

Für Daniela Renn ist es psychologisch gesehen von großer Bedeutung, dass Eltern mit ihren Kindern über den Inhalt der Filme reden, ihnen schon sehr früh den Unterschied zwischen Fiktion und realem Leben erklären. Ihnen sagen und vorleben, dass Menschen, die reich und schön sind, nicht unbedingt glücklicher sind als andere. „Je klarer und greifbarer die Eltern sind, desto mehr erleichtern sie ihren Kindern das Leben und können ihnen Orientierung geben.“

Fernsehen einfach zum Entspannen? Für die Psychologin spricht prinzipiell nichts dagegen: „Viele Kinder sind so eingeteilt zwischen Schule, Klavier-, Sport- und Ballettunterricht, dass sie dazwischen auch mal abschalten wollen. Es muss auch etwas Zeit zum Träumen bleiben. Der Fernsehkonsum ist aber immer mit Maß und Ziel zu sehen.“ Man solle sich außerdem darüber im Klaren sein, dass es sich beim Gesehenen nicht um die Realität, sondern um eine Phantasiewelt handle. Und natürlich müsse es nicht immer der Fernseher sein: „Schön, wenn es auch einmal ein Buch ist oder Aktivitäten in der Natur.“