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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 18.02.2013

Kussverbot erregt die Gemüter

Wegen eines Begrüßungsbussis und einer zärtlichen Berührung flog ein Ehepaar aus einem Lokal am Innsbrucker Hauptbahnhof. Der Besitzer verweist auf die Hausordnung und fordert mehr Respekt von Gästen.

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Von Sabine Kuess

Innsbruck – „Aus Respekt vor unseren Mitarbeitern und internationalen Gästen bitten wir Sie, Zärtlichkeiten in unserem Lokal zu unterlassen“ – diese Hinweistafel im Innsbrucker Restaurant Insieme am Bahnhof hängt neben der Hausordnung. Und Besitzer Kerameddin Korkmaz meint es ernst: „Ich gehe nicht mit einer Dame in ein Lokal, um zu fummeln, das soll man zuhause machen. Seine Sexualität muss man nicht überall ausleben“, betont er auf Anfrage der Tiroler Tageszeitung.

Eine Erfahrung, die auch Gudrun Sakotnig machen musste. Sie betont, nichts von dem Zärtlichkeitsverbot gewusst zu haben. „Ich habe meinen Mann zur Begrüßung ein Bussi gegeben und dann meine Hand auf seinen Schenkel gelegt. Daraufhin hat mir Herr Korkmaz erklärt, dass Küssen und Streicheln in seinem Lokal verboten sei“, erinnert sich Sakotnig, die den Hinweis nach eigenen Aussagen belächelte. „Dann forderte er mich auf, das Lokal zu verlassen. Das ist das erste Mal, dass ich aus einem Lokal geschmissen worden bin“, ärgert sich die Bahnhofsbedienstete.

Bei einem „Begrüßungsbussi“ sage niemand etwas, aber mehr werde in dem Lokal nicht geduldet. „Die Leute müssen nicht zu uns kommen. Ich zwinge niemanden zu kommen, im Umkreis gibt es siebzig Lokale“, ist Korkmaz von seiner Haltung überzeugt. Für Gudrun Sakotnig ist der Rauswurf auf keinen Fall berechtigt, wie sie betont: „Wenn ich meinem Mann ein Busserl gebe, sehe ich nicht ein, dass ich getadelt werde.“

Von Seiten der Wirtschaftskammer betont der Leiter der Fachgruppe Gastronomie, Peter Trost, dass Korkmaz im Recht sei: „Rechtens ist es auf alle Fälle. Ein Gastwirt kann ohne Grund den Zutritt verweigern.“ Da könne man nichts machen. Beschwerden bei der Wirtschaftskammer über die Gebote im Insieme gebe es „ein- bis zweimal im Jahr. Wenn der Besitzer meint, dass es für ihn ein unsittliches Verhalten ist, kann man nichts dagegen machen“, sagt Trost, der aber betont, dass die Wirtschaftskammer bereits das Gespräch mit Kerameddin Korkmaz gesucht habe. Die Internetforen sind voll von rausgeworfenen Pärchen, die kein Fehlverhalten bei sich selbst sehen. „Als meine Begleitung meinen Oberschenkel kurz berührte, wurden wir dann prompt rausgeschmissen“, schreibt eine Frau, „das Verhalten des Chefs ist absolut unakzeptabel“, vermeldet ein anderer. „Ich bin nicht verpflichtet, das zu kennzeichnen“, antwortet der Inhaber auf die Frage, warum er das Verbot nicht an der Tür ausschildert. „Wenn Gäste Zärtlichkeiten austauschen, weisen wir sie darauf hin, dass dies in unserem Lokal nicht erwünscht ist. Unterlassen sie es nicht, müssen sie gehen“, betont Korkmaz. Seine Geschäftsführerin bestätigt: „Rausgeschmissen wird bei uns keiner. Wenn die Betroffenen aber nicht aufhören, bitten wir sie zu gehen.“

Das Insieme sei finanziell gut aufgestellt, weist Korkmaz auf das zehnjährige Bestehen des Restaurants hin. Viele Stammgäste würden sich hier „wohl fühlen und gerne kommen“. Auch andere Gäste akzeptieren das Verbot, Zärtlichkeiten auszutauschen, wenn er sie darauf hinweise. „Andere provozieren aber, manche machen es auch mit Absicht“, ärgert sich der gebürtige Türke, der seit Anfang der 1990er Jahre in Österreich lebt. „Wir leben von unseren Kunden. Aber nur weil ich Kunde bin, kann ich nicht alles tun, was ich will“, fordert er auch Akzeptanz von den Gästen ein. Es sei „eine Respektlosigkeit der Sonderklasse“, wenn man Hausregeln missachte.

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