Archiv

Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 19.02.2013

Kein Ganzes aus der Summe der einzelnen Teile

Sechs Stellvertreter für eine alles andere als homogene junge Tiroler Künstlergeneration in der Galerie Goldener Engl in Hall.

drucken

Von Ivona Jelcic

Hall – Zu den Farbtöpfchen in Andrea Lüths Malkasten gesellen sich solche für Buchstaben, die vertikal gelesen das Wort „Artist“ ergeben. Mit diesem ironischen Kommentar zur Künstlerwerdung liefert die 1981 in Innsbruck geborene Zeichnerin so etwas wie ein Sinnbild für die Gruppenschau in Hall. Zu der sie selbst eine ganze Reihe weiterer, ebenso raffinierter wie reduzierter Bildgeschichten beisteuert, die von privaten Beobachtungen und solchen aus der Popkultur genauso gespeist sind wie von der mal mehr ins Spöttische, mal ins Poetische neigenden Laune ihrer Schöpferin.

Lüth selbst hat zuletzt im Kunstpavillon eine Ausstellung von Studienabgängern auf der Suche nach ihre Position in der Kunstwelt kuratiert. „Coming Up“ ist ein nicht unähnliches Unterfangen, jedoch mit veränderten Koordinaten: In der Haller Galerie Goldener Engl trifft die Kunst auf den Markt, der Fokus liegt außerdem auf jungen Künstlern aus Tirol, die jedenfalls jahrgangsmäßig (späte 1970er bis Mitte der 80er) unter einen Hut zu bringen sind. Daraus eine homogene „Künstlergeneration“ abzuleiten, wäre allzu gewagt, was denn auch nicht das kuratorische Anliegen ist: Kein Überblick und schon gar keine Leistungsschau sei gemeint, sagt Günther Moschig, zu sehen gebe es vielmehr eine sehr subjektive Auswahl mit maximaler Spannbreite in der Wahl der künstlerischen Mittel.

Muskelkraft inklusive, nämlich bei Michael Strasser, dessen Arbeit „Solitaire“ zu den stärksten der Schau zählt: An der slowenischen Grenze hat der 1977 geborene Innsbrucker ein seit dreißig Jahren leer stehendes Haus mithilfe von Freunden und Verwandten abgerissen, oder vielmehr abgebaut, die Materialien fein säuberlich getrennt, gesammelt und aus ihnen wiederum einen nach Baustoffen geordneten, monolithischen Blick errichtet: Dieser steht nun als eine die Raum- und Architekturerfahrung unterwandernde Skulptur auf dem einstigen Fundament. Eine Klasse für sich sind auch jene an Filmkulissen erinnernden Raummodelle, die Bernd Oppl, Jahrgang 1980, für Überwachungskameras baut: Oppls Installationen evozieren rätselhafte Bedrohung, legen dann aber simple Mechanismen frei. Oder bewahren Geheimnisse, etwa wenn eine undefinierbare Flüssigkeit ein „Sick Building“ flutet, das in der Fachsprache ein von Schadstoffen durchsetztes Gebäude bezeichnet.

Ganz auf das Grafische konzentriert setzt sich auch die Schwazerin Anna-Maria Bogner, die bei Franz Graf und Monica Bonvicini studiert hat, mit Raumkonstruktion auseinander. Und steht damit in absolutem Kontrast zur Malerei des Kitzbühlers Matthias Bernhard, dessen üppige Materialschlachten vielfältige Bezüge offenbaren: Zum Lehrer Gunter Damisch ebenso wie zu Franz Ringel oder Art-Brut-Pionieren. Aus diesem überbordenden Eklektizismus ist schwer wieder herauszufinden, Bernhard jedenfalls macht mit seinen aus Schaumstoff gemachten Rahmen einen Schritt ins Objekthafte, wo auch der Wes­tendorfer Robert Freund zuhause ist, dessen Assemblagen u. a. auf seine Lehrtätigkeit an der Glasfachschule Kramsach verweisen. Der sich aber auch als Zeichner in surrealistischen Gedankenwelten präsentiert.

drucken