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Letztes Update am DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe

Gbagbo angeklagt

Weltstrafgericht beginnt erstes Verfahren gegen Ex-Staatschef

Der ivorische Ex-Präsident, Laurent Gbagbo, soll indirekt an Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Zuge gewaltsamer Auseinandersetzungen nach der umstrittenen Präsidentenwahl im November 2010 beteiligt gewesen sein.

Den Haag - Der Internationale Strafgerichtshof hat am Dienstag das erste Verfahren seiner Geschichte gegen ein ehemaliges Staatsoberhaupt eröffnet. Der frühere Präsident der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo, wird der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt. Die Anklage wirft dem 67-Jährigen vor, für die Ermordung von mindestens 166 Menschen, Vergewaltigung, Misshandlung und Verfolgung von Hunderten weiteren politischen Gegnern verantwortlich zu sein.

Bei einer Gewaltwelle nach der Präsidentenwahl in dem afrikanischen Land wurden vom 16. Dezember 2010 bis 12. April 2011 mindestens 3000 Menschen getötet.

Vor dem schwer bewachten Gerichtsgebäude in Den Haag demonstrierten einige hundert Anhänger Gbagbos für dessen Freilassung. In dem Vorverfahren müssen die Richter des Weltstrafgerichtes entscheiden, ob die Beweise gegen den 67-Jährigen für einen Prozess ausreichen.

Vom Helden zum Kriegsverbrecher

Laurent Gbagbo ist hoch geflogen und tief gefallen: Einst galt der promovierte Historiker in Cote d‘Ivoire als Verfolgter, ja als Märtyrer. Zwei Mal war er wegen seiner ehemals sozialistisch orientierten Überzeugungen ins Gefängnis gewandert.

Zwischen 1982 und 1988 verließ der für seine „subversive Lehrtätigkeit“ gesuchte Geschichtsprofessor freiwillig seine Heimat und lebte sechs Jahre im französischen Exil. Von dort aus kämpfte er gegen die Militärregierung und setzte sich für die Einführung eines Mehrparteiensystems ein.

Dann aber wurde der heute 67-Jährige im Jahr 2000 zum Präsidenten gewählt. Nicht alle Ivorer akzeptierten ihn als Staatschef - die Cote d‘Ivoire versank im Chaos. Jahrelang tobte ein blutiger Bürgerkrieg, in dem islamische Rebellen im Norden gegen Gbagbos Soldaten im christlich orientierten Süden kämpften. 2007 wurde der Konflikt mit einem Waffenstillstand beendet.

Bereits 2005 hätten neue Wahlen angestanden, die aber wegen des Bürgerkrieges und durch diverse Manöver Gbagbos immer wieder verschoben wurden. Bis 2010 konnte er sich an der Macht halten, dann kam es zur Abstimmung.

Gbagbo ignorierte das Ergebnis

Obwohl Gbagbo im ersten Wahlgang in Führung lag, unterlag er bei der folgenden Stichwahl seinem langjährigen Widersacher Alassane Ouattara. Aber Gbagbo klebte an der Macht und weigerte sich - trotz internationalen Drucks - seine Niederlage anzuerkennen. Die Folge: Das Verfassungsgericht, in dem seine Anhänger das Sagen hatten, erklärte ihn offiziell zum Wahlsieger.

Im Frühjahr 2011 eskalierte der Konflikt zwischen beiden Seiten. In zahlreichen Landesteilen kam es zu schweren Gefechten und einer regelrechten Hetzjagd auf Anhänger Ouattaras. Schließlich liefen aber immer mehr Soldaten zu Ouattara über und Gbagbo verschanzte sich im Präsidentenpalast. Nach einem französischen Militäreinsatz, dessen Bedeutung umstritten ist, wurde er am 11. April 2011 festgenommen. (dpa)