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Neue Memoiren

„Doch ich habe überlebt“ - Paul Lendvais Leben als Grenzgänger

Der Publizist und Osteuropa-Kenner erzählt in seinen neuen Memoiren von der Nazi-Verfolgung und der Flucht vor dem Kommunismus.

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Von Alexander Fanta

Budapest/Wien - Aufgeben gibt‘s nicht: Seit vielen Jahrzehnten stellt Paul Lendvai sein Geschick als Journalist, politischer Kommentator und Überlebenskünstler unter Beweis. Seine nun erschienenen Memoiren „Leben eines Grenzgängers“ zeichnen seinen außergewöhnlichen Werdegang nach: 1929 als Sohn jüdischer Eltern in Budapest geboren, überlebt er die Verfolgung durch die Nazis, später setzt er sich aus dem kommunistischen Ungarn ab, um in Österreich eine neue Existenz aufzubauen. Bis zuletzt als scharfsinniger Beobachter Osteuropas präsent, nützt der langjährige Leiter der ORF-Osteuroparedaktion seine Lebenserinnerungen auch zu einer neuerlichen Abrechnung mit der Regierung von Viktor Orban und dem wachsenden Nationalismus in seinem Geburtsland.

Aufgezeichnet wurde das Buch von der ungarischen Journalistin Zsofia Mihancsik, die den Text als lockeren Dialog mit Lendvai gestaltet. Mit viel Geduld und einfühlsamen Fragen entlockt sie ihrem Interviewpartner Details zu seinem von vielen kleinen und großen Brüchen gekennzeichnete Leben.

Durch Zufall vor der Deportation gerettet

Nicht nur einmal in seinem Leben drohte Lendvai, im Mahlstrom der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu ersticken: So rettet ihn nur ein Zufall vor der Deportation in ein Todeslager der Nazis. Schergen der faschistischen Pfeilkreuzler, den Verbündeten des Dritten Reiches in Ungarn, holen den 15-Jährigen im Oktober 1944 ab. Gemeinsam mit Tausenden anderen Budapester Juden wird er zur Pferderennbahn gebracht, wo sie auf ihre Deportation warten sollen. Doch ein couragierter Einsatz rettet Lendvai vor dem Schlimmsten: Die Hausmeisterin ihres Budapester Wohnhauses, mit deren Sohn er gemeinsam verschleppt wurde, macht die Burschen ausfindig und kaufte sie gegen ein Schmiergeld frei. Lendvai überlebt den Krieg unbeschadet.

Nach dem Ende des Nazi-Schreckens wird Lendvai im kommunistischen Ungarn zum glühenden Marxisten. In der Jugendorganisation der neuen Herrscher macht er bald als heller Kopf von sich reden und kann sich eine Stelle als Journalist bei der Regimepresse sichern. In seinen Memoiren stellt sich Lendvai jedoch auch als Lebemann dar, der, noch nicht einmal Mitte Zwanzig, eine Affäre mit seiner zwei Jahrzehnte älteren Chefin bei der Nachrichtenagentur MTI beginnt. Sie dankte es ihm mit Geschenken, zu denen - wie nur Anfang der 1950er denkbar - auch eine kleine Stalin-Skulptur zählt.

Die Karriere Lendvais erfährt jedoch kurz darauf ein jähes Ende, als er während seines Militärdienstes denunziert wird und für ein Jahr in Haft kommt. Zwar gelingt es ihm im Zuge des Aufbruchs vor 1956, seine Rehabilitierung zu erreichen, aber als der Volksaufstand von der Sowjet-Armee niedergeschlagen wird, beschließt er, sich nach Österreich abzusetzen. Er habe die politische Lage nicht mehr ertragen, sagt er.

Unbeugsamer Wille

Mittellos und mit wenig mehr als einer Handvoll Telefonnummern trifft Lendvai schließlich 1957 in Wien ein. Es ist wohl nur seinem unbeugsamen Willen zuzuschreiben, dass er seinen Beruf als Journalist auch in der Emigration nicht aufgibt, obwohl er zunächst weder ausreichende Deutsch- noch Englischkenntnisse besitzt. Geliehenes Geld von Bekannten und spärlich bezahlte Aufträge internationaler Journalisten ermöglichen ein erstes Auskommen, auch wenn oft die Armenspeisung aushelfen muss.

In Österreich schafft Lendvai binnen weniger Jahre einen beispiellosen Aufstieg. Vom armen Emigranten arbeitet er sich zum Berichterstatter für die britische „Financial Times“ hoch und wird auch Biograf und Freund von Bundeskanzler Bruno Kreisky. Dieser, so erzählt Lendvai stolz, habe ihm recht bald vertraut und ihn, noch als Oppositionsführer, an seiner statt 1968 zur Bilderberg-Konferenz nach Kanada geschickt.

Treffen mit Kreisky laufen freilich nicht immer friktionsfrei ab: Bei einem Interview 1972 für ein Porträt über den Sozialisten stellt Lendvai die provokante Frage, ob Kreisky, der sich immer wieder von seinen jüdischen Wurzeln distanzierte, überhaupt im Namen seiner im Holocaust ermordeten Verwandten sprechen könne. Woraufhin der Kanzler explodierte: „Was nehmen Sie sich heraus? Wie sprechen Sie denn mit mir?“

Publizistisches Engagement mit Folgen

Politisch stellt sich Lendvai damals hinter die Entspannungspolitik mit den Ostblock-Staaten, die von Kreisky und seinem deutschen Amtskollegen Willy Brandt betrieben wird. Seine alte Heimat Ungarn, die er nach Jahren des Einreiseverbotes ab den 1970ern regelmäßig besucht, sieht er als freiestes unter den Satellitenländern der Sowjets an. Gute Kontakte zu Dissidenten, aber auch führenden Figuren des Regimes, ermöglichen ihm hochkarätige Berichte von der Welt hinter der Eisernen Vorhang, die auch vor heiklen Themen wie dem noch immer lauernden Antisemitismus nicht zurückschrecken.

Sein publizistisches Engagement trägt dem Publizisten und prononcierten Liberalen seit der Wende harte Kritik aus Ungarn ein. Lendvai selbst spricht von einer „Verleumdungsarie“ - so erscheinen in regierungsnahen Zeitungen in Budapest immer wieder Berichte, die eine frühere Zusammenarbeit des Publizisten mit kommunistischen Geheimdiensten nahelegen. Als Grund für die Kampagne sieht Lendvai seine Haltung gegenüber der Regierung Orban, wie er sie bereits 2010 in seinem Werk „Mein verspieltes Land“ auf den Punkt brachte: Das nationalkonservative, eigentlich nationalistische Lager in Ungarn habe seit Orbans Wahlsieg 2009 viele Fortschritte der Wende zurückgerollt und kehre zum regressiven Patriotismus zurück, der sich nicht an Europa orientiere, sondern an der Zwischenkriegszeit.

Ungarn kritisiert Lendvai

Im vergangenen Jahr richtete sogar der ungarische Regierungschef selbst harte Worten an den Publizisten: „Lendvai ist kein Freund der jetzigen ungarischen Regierung, er mag unser Wertesystem nicht und versucht, dagegen international zu kämpfen“, sagte Orban in einem Interview. Die ungarische Botschaft in Wien attackierte öffentlich eine ORF-Dokumentation Lendvais über Ungarn.

Diese Haltung zeige deutlich die problematische Haltung der Politik in Budapest zum Rechtsstaat. „Orban und die Seinen versuchen, ihren politischen, in die Nationalflagge eingepackten Staatsstreich zu legitimieren und sie nützen jede kritische Bemerkung aus dem Ausland zur Stabilisierung ihrer Position“, antwortet Lendvai in seinen Memoiren. In die nationalistischen Worte mischten sich im Regierungslager zunehmend auch antisemitische Töne und ein Unwille, sich gegen hetzerische Meinungen zu stellen.

Als Lehre für das Heute wertet Lendvai seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. Die Gräuel, die er als Teenager nicht richtig habe begreifen können, hätten ihn bei einer Reise nach Auschwitz in den 1970er Jahren erstmals wie ein Schock getroffen. „Ich bin völlig zusammengebrochen. Hatte einen Weinkrampf, als ich die Berge von Kindertäschchen sah und daran denken musste, dass auch die Täschchen von Lydia und Hugo, meiner Nichte, meinem Neffen aus Siebenbürgen, darunter sein mussten“. Auch zuletzt, als er das Tagebuch von Eva Zsolt, die als 15-jährige in Auschwitz ermordet wurde, gelesen habe, sei ihm die Nähe ihres Schicksals zu dem seinigen bewusst geworden, sagte Lendvai. „Doch ich habe überlebt.“ (Alexander Fanta arbeitet für die Austria Presse Agentur.)

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