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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom 18.03.2013

„Die Konsumenten fühlen sich für dumm verkauft“

Lebensmittelskandale: „Bio-Schmäh“-Autor kritisiert Konzern-Interessen.

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Wien – Lebensmittelskandale, Etikettenschwindel und Bio-Bluff waren für den heimischen Agrarbiologen Clemens Arvay der Grund, sich erneut anzusehen, wie es in der Landwirtschaft wirklich zugeht. Der Autor des Sachbuchs „Der große Bio-Schmäh“ reiste elf Wochen lang durch Österreich, Deutschland, die Schweiz und Großbritannien und hat sich die Agrarindustrie genauer angeschaut. Er stieß dabei auf Widerstände, traf aber auch Pioniere auf dem Bio-Gebiet – seine Eindrücke hielt er im Buch „Friss oder stirb“ fest, das am Donnerstag in Wien präsentiert wird.

„Ich betrachte die Landwirtschaft als jahrtausendealtes, kulturelles Menschheitserbe, das heute durch die Interessen von Wirtschaft und Konzernen gefährdet ist“, meint der Autor. In seinem 2011 veröffentlichten Buch „Der große Bio-Schmäh“, das die Bio-Bauern sichtlich nervös gemacht hat, kritisierte er vor allem die Bio-Eigenmarken der großen Supermarktketten und die damit verbundenen Produktionsmethoden. Der Bio-Markt scheine gesättigt, vor allem Handelsmarken, die Premium-, Bio- oder Regionalprodukte anbieten, würden zulasten der bisher expandierenden Discounter-Szene agieren. In Österreich beträgt der Marktanteil von Bio-Produkten 6 %.

„Die Fragen ‚Was kann man überhaupt noch kaufen?‘ hörte ich sehr oft“, schreibt der Autor in seinem neuen Buch. Gebe es wirklich keine Alternativen zu Massentierhaltung und hochindustriellen Schlachtungsmethoden? Zu sinnloser Überschussproduktion und Lebensmittelvernichtung? Zu außer Rand und Band geratenen Warenflüssen und globaler Ungleichverteilung der Nahrung? „Die machthungrigen Lebensmittelkonzerne setzen alles aufs Spiel. Mit der beispiellosen Irreführung der Konsumenten, der Vorspiegelung einer sauberen Landwirtschafts­idylle und dreistem Etikettenschwindel richten sie unsere jahrtausendealte Agrarkultur zugrunde“, kritisiert Arvay. Kritische Konsumenten würden sich durch die zahlreichen Lebensmittelskandale zurecht „für dumm verkauft“ fühlen.

Die Lösung: „Wir müssen anfangen, nicht mehr in Supermärkten einzukaufen“, meinte etwa ein britischer Pflanzengenetiker. Und ein Bauer aus dem Allgäu erklärte: „Die Menschen müssen selbst Verantwortung übernehmen, sie müssen vor Ort sein. Die Lösung muss lokal sein.“ (APA)

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