25.03.2010, 11:08  Aktualisiert: 28.05.2010, 09:08 
International

200 Kinder missbraucht – und der Vatikan blieb tatenlos

Papst Benedikt XVI. gerät unter Druck. Ein besonders schlimmer Fall von sexuellem Missbrauch in den USA zeigt, was lange von Ratzinger mitzuverantwortende Kirchenpolitik war: vertuschen, schweigen und decken.
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Washington – Die Geschichte eines Geistlichen bringt ein Jahrzehnt nach dem Tod des Mannes den Papst in Erklärungsnot.

Die New York Times rekonstruiert den besonders schweren Fall von sexuellem Missbrauch in der Kirche und die Rolle, die der damalige Kardinal Ratzinger dabei spielte. Ein offensichtlich unrühmliches Kapitel im Lebenslauf des Deutschen Papstes und der Kirche insgesamt.

Die Geschichte dreht sich um Priester Lawrence C. Murphy, der von 1950 bis 1974 in einer bekannten Schule für gehörlose Kinder gearbeitet hat. Dort soll er bis zu 200 Jungen sexuell missbraucht haben, wie aus Gerichtsakten hervorgeht.

Fälle jahrelang bekannt

Fälle, die innerhalb der Kirche bekannt wurden und schließlich bis in den Vatikan und zum damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., drangen.

Der New York Times liegen ihren Angaben zu Folge Dokumente vor, die sie von Anwälten erhalten haben, die Kläger gegen das Erzbistum von Milwaukee vertreten.

In weiten Teilen unterscheidet sich der Fall nicht von den nun in Europa bekannt gewordenen Taten gegen Schutzbefohlene der Kirche durch Kirchenmänner, Ordensfrauen oder andere.

Korrespondenz mit Ratzinger

Doch die interne Korrespondenz vom damaligen Bischof von Wisconsin an Kardinal Joseph Ratzinger zeigt deutlich: Die Glaubenskongregation im Vatikan, die Kirchenverantwortlichen und der zukünftige Papst erwägten zwar, den Priester aus dem Amt zu entheben, doch im Mittelpunkt der Überlegungen war der Ruf der Kirche. Sie vor einem Skandal zu schützen hatte oberste Priorität, schreibt Laurie Goodstein von den New York Times.

Kardinal Josef Ratzinger leitete von 1981 bis 2005 die Glaubenskongregation und damit die bis heute verantwortliche Stelle im Vatikan für alle Fälle von Missbrauch.

Späte Reaktion

1996 erhielt Ratzinger Briefe des Erzbischofs von Milwaukee, Rembert G. Weakland. Beide Schreiben, die die Missbrauchsfälle explizit ansprachen, blieben unbeantwortet. Stattdessen wurden erst acht Monate später die Bischöfe von Wisconsin von Kardinal Tarcisio Bertone damit beauftragt, eine geheime Untersuchung gegen Priester Murphy einzuleiten, die theoretisch auch in seiner Entlassung enden hätte können.

Doch Bertone beendet den Prozess alsbald. Grund: Priester Murphy richtete sich in einem persönlichen Schreiben an Josef Ratzinger und protestierte gegen das Verfahren. Er habe bereut, sei krank und außerdem sei der Fall nach Kirchenregeln ohnehin schon verjährt, hieß es in dem Brief.

„Ich will einfach nur die Zeit, die ich noch habe, in der Würde als Priester zu Ende leben“, schrieb Murphy. „Ich bitte um Ihre freundliche Unterstützung.“

„Freundliche Unterstützung“

Ratzinger gewährte diese „freundliche Unterstützung“ offenbar, wenngleich in der gesamten Korrespondenz keine einzige Antwort des heutigen Papstes zu finden ist.

Wie der Vatikan in einer Reaktion auf die Vorwürfe erklärte, wurden der Entscheidung der schlechte Gesundheitszustand des Priesters und der Umstand, „dass jüngere Vorwürfe“ nicht vorlagen zugrunde gelegt.

Der Fall sei erst 1996 an den Vatikan berichtet worden, „Jahre nachdem zivile Autoritäten den Fall untersucht und fallen gelassen haben“.

Priester Murphy wurde in Folge niemals verurteilt oder diszipliniert, die Vorwürfe der Opfer wurden Jahrzehntelang ignoriert. Drei Bischöfe von Wisconsin hintereinander wurden mit den Missbrauchsfällen konfrontiert, aber zeigten die Fälle nie an.

Versetzt statt gefeuert

Anstatt einer gerechten Strafe zugeführt zu werden, wurde Murphy im Jahr 1963 zum Leiter der St. John’s School für Taube befördert, obwohl seit den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts bereits Anschuldigungen vorlagen.

Erst 1974 wurde er versetzt, arbeitete dann aber weitere 24 Jahre unbehelligt mit Kindern und Jugendlichen in einer anderen Diözese – wobei es weiterhin zu Missbrauch kam. Murphy starb 1998 als Priester in allen Würden und erhielt ein pompöses Begräbnis.

Erzbischof Weakland, der Ratzinger 1996 über die Missbrauchsfälle informierte, erhielt nie eine Antwort vom heutigen Papst. 1997 warnte er „vor einem wahren Skandal“, nachdem ein Anwalt mit Klage gedroht hatte, ein Besuch im Vatikan 1998 verlief ohne Ergebnis.

Negatives Image verhindern

Und als Murphy vier Monate später starb, drückte Weakland in einem letzten Brief die Hoffnung aus, dass ein „negatives“ Image der Kirche vielleicht noch vermieden werden könne.

Dass Fälle im Vatikan bekannt werden, doch die Verantwortlichen untätig bleiben, scheint jahrelang System gehabt zu haben.

Wie Charles J. Scicluna, Leiter des Büros für interne Untersuchungen im Vatikan berichtete: Nur 20 Prozent der 3000 zwischen 2000 und 2010 beschuldigten Priester wurden kirchlich verfolgt. Davon verließen zehn Prozent die Kirche freiwillig, zehn weitere auf Druck der Kirche und der Großteil, 60 Prozent erhielten „administrative oder disziplinäre“ Strafen. Zum Beispiel wurde ihnen die Erlaubnis entzogen, die Messe zu zelebrieren.

Besonders erschreckend am Fall Murphy: Gegenüber eines Sozialarbeiters, den Weakland angeheuert hatte, um den Fall zu untersuchen, erklärte Priester Murphy, er habe 200 Kinder missbraucht – er fühle keinerlei Reue. (red)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Do, 25.03.2010  11:08
aktualisiert: Fr, 28.05.2010  09:08
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