12.06.2012, 07:01  Aktualisiert: 12.06.2012, 14:10 
Ban besorgt über Gewalt

Assads Armee missbraucht Kinder als menschliche Schutzschilde

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat sich „tief besorgt über die gefährliche Zunahme der Gewalt in ganz Syrien“ und die Gefahr für die Zivilbevölkerung in den umkämpften Gebieten geäußert.
In Syrien ist kein Ende der Gewalt in Sicht.
Foto: AP

New York, Damaskus – Syrische Truppen sollen Kinder als menschliche Schutzschilde missbraucht haben. Das berichtete die britische BBC am Dienstag unter Berufung auf einen Bericht der Vereinten Nationen. Ihr Team sei mit „schrecklichen“ Schilderungen über gefolterte und massakrierte Kinder aus Syrien zurückgekehrt, sagte die UN-Sondergesandte für Kinder in bewaffneten Konflikten, Radhika Coomaraswamy, dem Sender. So hätten Kinder erzählt, dass sie sich auf Panzer hätten setzen müssen, damit diese nicht von Aufständischen angegriffen würden.

Sie habe es noch nie zuvor erlebt, dass Kinder nicht verschont würden, sondern in einem Konflikt sogar noch als Ziel dienten. „Wir haben Kinder gesehen, die gefoltert wurden und die noch die Spuren der Folter tragen“, sagte Coomaraswamy. „Wir sind wirklich geschockt(...) Diese Folterungen von Kindern in Gefangenschaft, Kinder von gerade einmal zehn Jahren, das ist sehr außergewöhnlich, das haben wir woanders wirklich noch nicht gesehen.“

Viele ehemalige Soldaten hätten von Schüssen auf Wohngebiete berichtet. Sie hätten Kinder und Kleinkinder gesehen, die getötet und verstümmelt worden seien.

Zugleich erhob sie Vorwürfe gegen die oppositionelle Freie Syrische Armee, die ebenfalls Kinder in Gefahr bringe. „Zum ersten Mal hörten wir auch, dass Kinder von der Freien Syrischen Armee rekrutiert werden, vor allem für medizinische- und Hilfsarbeiten, aber immer noch an der Front“, sagte Coomaraswamy.

Syrien wegen Gewalt gegen Kinder auf „Liste der Schande“

Die Vereinten Nationen haben Syrien erstmals auf eine Liste mit Staaten gesetzt, in denen Kinder in bewaffneten Konflikten getötet, sexuell angegriffen und rekrutiert werden.

Ebenfalls neu auf der „Liste der Schande“ sind Jemen und der Sudan, teilte die UNO-Sondergesandte für Kinder und bewaffnete Konflikte, Radhika Coomaraswamy, am Montag in New York mit.

Sowohl reguläre syrische Truppen als auch die mit ihnen verbündete Shabiha-Miliz hätten sich solche Übergriffe zuschulden kommen lassen, hieß es in einem am Montag in New York vorgelegten Bericht.

„In fast allen aufgezeichneten Fällen waren Kinder unter den Opfern von Militäroperationen der Regierungstruppen - einschließlich der Streitkräfte, der Geheimdienste und der Shabiha-Miliz - im Konflikt mit der Opposition“, schreiben die Autoren des UNO-Berichts über 2011, der von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon vorgelegt wurde.

Darin werden 32 Staaten genannt, in denen seit mindestens fünf Jahren staatliche Gewalt gegen Kinder ausgeübt wird.

Ban: „Das Blutvergießen muss aufhören“

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hat sich „tief besorgt über die gefährliche Zunahme der Gewalt in ganz Syrien“ und die Gefahr für die Zivilbevölkerung in den umkämpften Gebieten geäußert. „Das Blutvergießen und die Kämpfe müssen sofort aufhören“, forderte Ban nach Angaben seines Sprechers. Allein am Montag kamen syrischen Aktivisten zufolge landesweit mehr als 100 Menschen ums Leben. Die meisten Todesopfer habe es in der zentralen Provinz Homs, den Städten Al-Haffa und Latakia sowie in Deir al-Zor im Osten des Landes gegeben.

Insgesamt habe die Gewalt mit wechselnder Taktik der Konfliktparteien zugenommen, heißt es in der am Montagabend (Ortszeit) vom Sprecher des UN-Generalsekretärs in New York verbreiteten Erklärung. Die Militäroperationen der Regierung führten dabei zu hohen zivilen Opfern und Menschenrechtsverletzungen. Allerdings beobachte man auch koordinierte Angriffe der Rebellen auf Regierungstruppen und zivile Einrichtungen. Angesichts von Berichten über einen Aufmarsch der Regierungstruppen um Al-Haffa forderte Ban ungehinderten Zugang für die UN-Beobachter zu der Stadt.

Regime setzt schwere Waffen gegen Aufständische ein

Vor dem UN-Generalsekretär hatte bereits der Syrien-Sondergesandte Kofi Annan seine „ernste Sorge“ über den Einsatz schwerer Waffen bei Angriffen der Regierungstruppen auf Rebellenhochburgen und über Berichte von zwischen den Fronten eingeschlossenen Zivilisten geäußert.

Annan, der für die Vereinten Nationen und die Arabische Liga in dem Konflikt vermittelt, rief alle beteiligten Seiten auf, Zivilisten zu schonen und für ihre Sicherheit zu sorgen. Jüngste Berichte über den Einsatz von Artillerie, Hubschraubern und Panzern in den Städten Al-Haffa und Latakia sowie die Angriffe in der Region Homs seien beunruhigend.

Rebellen zunehmend besser ausgerüstet

Die bewaffnete Opposition in Syrien setzt inzwischen verstärkt auf eine militärische Lösung des Konflikts. Auch mehren sich die Hinweise darauf, dass die Bewaffnung der Assad-Gegner jetzt deutlich besser ist als noch vor etwa zwei Monaten.

Ein Nachrichtenportal der Aufständischen schrieb unter Berufung auf eine Brigade der Freien Syrischen Armee, in der Provinz Homs hätten Deserteure am Montag mehrere gepanzerte Fahrzeuge der Truppen von Präsident Bashar al-Assad zerstört. Außerdem hätten sich in einem Stützpunkt der Luftwaffe zahlreiche Soldaten und Offiziere den Deserteuren angeschlossen.

Die staatliche Nachrichtenagentur SANA meldete, am Montag seien in Douma außerhalb von Damaskus zahlreiche „Terroristen“ getötet worden. Auch ein Angehöriger der Sicherheitskräfte sei bei dem Gefecht in Douma ums Leben gekommen. Während eines weiteren Gefechts in der Provinz Latakia seien fünf Polizisten getötet worden. Im Damaszener Viertel Birse hätten die Regimegegner zwei Autos in die Luft gesprengt. Insgesamt drei Fahrzeuginsassen seien dabei ums Leben gekommen.

In Deir al-Zor wurden nach Angaben des syrischen Beobachtungszentrums für Menschenrechte kurz vor Mitternacht bei der Explosion eines in einem Auto versteckten Sprengsatzes mindestens fünf Menschen getötet. Viele weitere seien verletzt worden, teilte das in London ansässige Zentrum in der Nacht zum Dienstag mit. (APA/dpa)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Di, 12.06.2012  07:01
aktualisiert: Di, 12.06.2012  14:10
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