Israels Einmarsch, das Massaker und ein Land in Schutt und Asche
Von Sara Lemel/dpa
Beirut – Es war der erste Krieg, der in Israel eine öffentliche Kontroverse auslöste: Vor 30 Jahren marschierten israelische Soldaten in Beirut ein, um die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) aus der libanesischen Hauptstadt zu vertreiben. Am 5. August 1982 ist die israelische Armee, die bereits seit 1978 den Süden des Landes besetzt hielt, ins Herz des nördlichen Nachbarlandes vorgedrungen.
Erklärtes Ziel des schon zwei Monate vorher begonnenen Libanon-Feldzugs war es, ständige Angriffe militanter Palästinenser auf die Grenzorte im Norden Israels zu unterbinden. Israel hoffte aber auch, es könnte seinen christlichen Verbündeten im Nachbarland an die Macht verhelfen und damit Ruhe im Norden gewährleisten. Doch diese Rechnung ging nicht auf, die israelische Armee blieb letztlich fast zwei Jahrzehnte im „libanesischen Sumpf“ stecken – erst im Jahr 2000 zogen sich die letzten israelischen Soldaten aus der so genannten Sicherheitszone im Südlibanon zurück.
Nach ihrer Vertreibung aus Jordanien im Jahr 1970 hatte sich die Palästinensische Befreiungsorganisation im Libanon eine neue Machtbasis aufgebaut. Es entstand eine Art „Staat im Staat“ – in Israel „Fatah-Land“ genannt –, der den israelischen Nachbarn bekämpfte. Ein palästinensisches Kommando unter Leitung von Abu Nidal verletzte am 3. Juni 1982 bei einem Anschlag in London den israelischen Botschafter Shlomo Argov und lieferte damit den Casus belli. Der frühere PLO-Reporter und heutige Chefredakteur der palästinensischen Nachrichtenagentur WAFA, Ali Hussein, sieht dies jedoch rückblickend als „Vorwand“. „Israel hatte den Krieg schon länger vorbereitet, letztlich seit der ‚Operation Litani‘ im Jahr 1978“, sagt Hussein.
Israelische Truppen drangen damals bis zum Litani-Fluss im Südlibanon vor, um die PLO-Kämpfer weiter in den Norden zurückzudrängen. Israel reagierte mit der Operation auf einen blutigen palästinensischen Fatah-Anschlag auf einen Bus im März 1978. Bei den Kämpfen erhielt Israel Unterstützung von der „Südlibanesischen Armee“ (SLA), die während des libanesischen Bürgerkriegs entstanden war. Christliche Libanesen empfingen die israelischen Soldaten während des Einmarsches in Beirut mit Begeisterung. Bis September mussten auf Druck Israels nach einem Evakuierungsplan 11.000 palästinensische Kämpfer den Libanon über den Seeweg verlassen, der damalige PLO-Chef Arafat ging ins Exil nach Tunis.
Israel gab dem Militäreinsatz den blumigen Namen „Operation Frieden für Galiläa“. Die Verluste auf der israelischen Seite bei den Kämpfen im Libanon waren groß. Laut israelischem Außenministerium wurden vom 5. Juni 1982 an binnen drei Jahren 1216 israelische Soldaten getötet. Auf der palästinensischen und libanesischen Seite wurden Tausende getötet. Zum ersten Mal in der israelischen Geschichte gab es auch eine heftige Debatte über die Notwendigkeit des Kriegs selbst.
Infolge des israelischen Einmarschs eskalierte auch der 1975 ausgebrochene libanesische Bürgerkrieg. Nach dem Tod des von einem Rumpfparlament unter israelischer Aufsicht gewählten christlich-maronitischen Präsidenten Bechir Gemayel bei einem Bombenanschlag im September 1982 kam es zu dem berüchtigten Massaker an palästinensischen Flüchtlingen in Sabra und Shatila: Christliche Falange-Milizionäre ermordeten bis zu 3000 Palästinenser, darunter Frauen und Kinder. Das Massaker geschah unter den Augen der israelischen Besatzungssoldaten, die nicht eingriffen. Israels Verteidigungsminister Ariel Sharon als treibende Kraft des Kriegs musste wegen der blutigen Vorfälle später zurücktreten. 2001 wurde Ariel Sharon wieder zum Premier gewählt.



