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Kellerleichen-Prozess

Ex-Liebhaber und Trauzeuge von Estibaliz C. im Zeugenstand

Der jetzige Ehemann der 34-Jährigen schwieg vor Gericht. Ein ehemaliger Liebhaber beschrieb die Angeklagte als „unterwürfig“ und eine „Chaotin“.

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Wien – Unter deutlich reduziertem öffentlichen Interesse - zahlreiche Sitzplätze im Großen Schwurgerichtssaal blieben frei - ist am Dienstag im Wiener Landesgericht der Prozess um die sogenannten Kellerleichen fortgesetzt worden. Weitere Zeugen wurden befragt werden - darunter auch der jetzige Ehemann der Angeklagten. Der 47-Jährige entschlug sich aber der Aussage. In den wenigen Augenblicken, die er im Zeugenstand verbrachte, nahm er jedoch laut APA keinen Blickkontakt mit seiner Frau auf.

Zwei Polizisten aus Udine, die die 34-Jährige nach ihrer Festnahme befragten, schilderten ihre Aussagen. Sie habe spontan beide Morde gestanden und die Taten geschildert. Ebenfalls am Vormittag schilderte ein Straßenmusiker seine Begegnung mit der Spanierin. Sie habe zwei Tage bei ihm gelebt.

Beruhigungsmittel, um Prozess durchzustehen

Estibaliz C., die im April 2008 ihren Ehemann Holger H. und im November 2010 ihren Lebensgefährten Manfred H. erschossen, mit einer Kettensäge zerstückelt und einbetoniert haben soll, stellte klar, dass sie Beruhigungsmittel nehme und womöglich deshalb nach außen gefühlskalt wirke. Die Medikamente hätten „eine distanzierende Wirkung“, sagte die 34-Jährige. Sie bedürfe der Mittel, „weil ich Angstzustände und Herzrasen habe. Es ist so, dass ich ständig mein Herz schlagen höre“.

Einer der Geschworenen hatte am Montag bemängelt, dass sie bei ihren Erzählungen keine Reue zeige. „Wenn ich in Tränen ausbreche, würde man sagen, was ist das für ein Theater. Es ist widerlich, was ich getan habe. Ich versuche, mich zusammenzureißen und die Schuld auf mich zu nehmen“, erwiderte Estibaliz C. darauf.

Es sei ihr schon lange vor ihrer Festnahme im Juni 2011 nicht gut gegangen, sagte die Angeklagte. Sie habe auch einen Psychologen aufgesucht: „Das Problem war, dass ich mich nicht aufmachen konnte.“ Der Arzt habe eine Depression festgestellt. Laut Staatsanwältin Petra Freh soll die Frau seit ihrer Inhaftierung in der Justizanstalt Wien-Josefstadt jedoch nur drei Mal einen Psychiater konsultiert und daneben lediglich eine psychologische Haftbetreuung erhalten haben.

Ehemaliger Liebhaber: Angeklagte war „unterwürfig“

Ein ehemaliger Liebhaber der Angeklagten, der nach dem Ableben ihres im Frühjahr 2008 gewaltsam ums Leben gekommenen ersten Ehemanns Holger H. mit der spanisch-mexikanischen Staatsbürgerin zusammengekommen war, beschrieb die 34-Jährige als gefallsüchtig. „Die Esti war eine, die alles getan hat, um einem zu gefallen“, schilderte der 45-Jährige. Ihre Beziehung, die er im Mai 2009 beendet hatte, habe sich nicht „auf Augenhöhe“ abgespielt. Estibaliz C. sei „unterwürfig“ gewesen: „Wenn man sie schärfer angesprochen hat, ist sie gleich in Tränen ausgebrochen.“ Zudem habe ihr „die Authentizität gefehlt. Sie war nicht das, was sie vorgegeben hat. Sie hat sich als perfekt präsentiert, was sie aber nicht halten konnte“.

Ein weiterer Grund, die intime Beziehung abzubrechen, sei „der ausgeprägte Kinderwunsch“ der Frau gewesen, „dem ich auf keinen Fall nachkommen wollte“. Estibaliz C. sei grundsätzlich „eine Chaotin“ gewesen und habe ihre Ziele „ausgesprochen planlos verfolgt“. Manfred H., mit dem die Eissalon-Besitzerin im Anschluss liiert war, beschrieb der Zeuge als „Schlitzohr“. Estibaliz C. habe ihm einmal über den Eismaschinen-Vertreter berichtet: „Ich suche einen Mann und er will einen Eissalon.“

Weitere Ex-Liebhaber im Zeugenstand

Nach einer Unterbrechung wurden zwei weitere ehemaliger Liebhaber der 34-Jährigen in den Zeugenstand gerufen. Einer der Männer hatte nur eine flüchtige Affäre mit der 34-Jährigen. „Ich habe sie als hübsche, nette Frau kennengelernt“, sagte ein zweimaliger Sex-Partner der mutmaßlichen Doppel-Mörderin. Abgesehen davon habe er „nicht wirklich etwas Auffälliges bemerkt“. Nach den beiden Begegnungen habe man sich einvernehmlich nicht mehr getroffen, so der 48-Jährige.

Ein um zwei jahre jüngerer Mann hatte Anfang 2008 die Frau übers Internet kennengelernt, die damals noch mit Holger H. verheiratet war. Sie zog schließlich beim 46-Jährigen ein, weil sie von ihrem Ehemann angeblich physisch und psychisch misshandelt wurde. „Irgendwelche Eigenheiten und Abnormitäten sind mir nicht aufgefallen“, gab der Zeuge an.

Estibaliz C. verlor jedoch allmählich das Interesse an dem kränklichen, ihr möglicherweise zu wenig maskulinen Mann. „Sie hat sich mehr entfernt und ist schließlich zu einer Freundin gezogen“, sagte der 46-Jährige. Formell habe zwar er Ende 2008 den Schlusstrich gezogen, in weiterer Folge die Frau aber vergeblich zurückzugewinnen versucht.

Nasenoperation und Botox auf Wunsch von Manfred H.

Auf Befragen des beisitzenden Richters Andreas Hautz hat Estibaliz C. vor einer einstündigen Mittagspause zu den Schönheitsoperationen Stellung bezogen, die sie nach ihrer Darstellung auf Wunsch ihres laut Anklage im November 2010 von ihr erschossenen Lebensgefährten Manfred H. vornehmen ließ.

„Manfred hat sich beschwert, dass meine Nase zu groß ist“, erzählte die Anklage. Also habe sie sich auf ihre Kosten „zu der Frau Doktor“ begeben. Den Oberösterreicher hätten auch ihre Falten gestört: „Ich habe die Augen mit Botox spritzen lassen. Das Gleiche mit den Falten an der Stirn.“ Der Eismaschinen-Vertreter habe nämlich auf einer Pony-Frisur bestanden, dafür sei eine glatte Stirn nötig gewesen, erläuterte die Angeklagte.

Ihre ursprünglich dünnen Lippen hätten Manfred ebenfalls missfallen: „Ich musste einen schönen Mund haben. Er wollte einen erotischen Mund für mich haben.“ Also ließ sie sich die Lippen aufspritzen. Der Endvierziger soll weiters an ihren Hüften und ihren Brüsten Anstoß genommen haben. „Er wollte, dass ich an den Hüften Fett absaugen lasse. Er wollte mehr Holz vor der Hütte haben“, diktierte die 34-Jährige der Schriftführerin. Diese Eingriffe habe sie aus Angst vor möglichen gesundheitlichen Folgen abgelehnt.

Dafür sei sie oft noch nach Zwölf-Stunden-Schichten im Eissalon laufen gegangen: „Ich musste viel Sport machen auf seinen Wunsch. „ Regelmäßig sei sie die Oswaldgasse auf- und abgelaufen, um Hinterbergers Vorstellungen zu entsprechen, verriet Estibaliz C.

Trauzeuge: „Es war eine harmonische Ehe“

Am Nachmittag sagte auch der Trauzeuge und engste Freund von Holger H. aus, den die Angeklagte im April 2008 erschossen und zerteilt haben soll.

„Es war eine insgesamt harmonische Ehe“, erklärte der Trauzeuge. Holger sei zunächst „sehr zufrieden“ gewesen, doch nach dem Umzug nach Wien und der Eröffnung des Eissalons in der Oswaldgasse sei „Unzufriedenheit auf beiden Seiten“ eingekehrt, an deren Ende eine einvernehmliche Scheidung stand. Das Eis-Geschäft habe sich danach schlecht entwickelt, Holger habe aussteigen wollen, dies aber seiner Ex-Frau verheimlicht, weil er von ihrer Seiten Konsequenzen befürchtet hätte. Auf seine Frage, was er damit meine, habe sich Holger ihm gegenüber nur in kryptischen Andeutungen wie „Ich könnte dir Sachen erzählen, da würdest du mit den Ohren schlackern“ ergangen, meinte sein langjähriger Freund.

Als Holger plötzlich von der Bildfläche verschwand, habe er befürchtet, „dass er Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte“ und zugleich „das abstrakte Gefühl gehabt, dass das etwas mit Esti zu tun haben könnte“, gab der Zeuge an. Diese habe ihm allerdings versichert, ihr Ex-Mann habe sich „auf und davon gemacht“ und „seine Sachen gepackt“. Estibaliz C. wisse „genau, was sie tut“, betonte der Zeuge: „Wenn es ums Geschäft ging, war nichts mit humanistischen Sichtweisen.“

Arbeiter berichtete vom Fund der Leichen

Bereits am Montagnachmittag waren die ersten Zeugen vor Gericht befragt worden. Einer der Arbeiter berichtete, wie er und sein Kollege zufällig die Mörtelwannen, Maurertröge und Blumentöpfe mit den Leichenteilen entdeckten. Als einer der beiden Arbeiter einen Müllsack aufschnitt, schlug ihm ein beißender Geruch entgegen. Sofort rief er die Polizei.

Die Beamten meinten nach Eintreffen am Fundort, jemand hätte umgebrachte Katzen und Hunde vergraben. „Daraufhin hab‘ ich ihnen gesagt, ein Hund oder eine Katze riecht anders als eine Leiche“, erinnerte sich am Montag einer der Handwerker vor dem Schwurgericht. Er habe schließlich eine Mörtelwanne umgedreht und mit einem Hammer bearbeitet, worauf sich der Müllsack gelöst habe, den man dann gänzlich öffnete. „Was ist zum Vorschein gekommen?“, fragte Richterin Susanne Lehr. „Der Unterschenkel eines linken Beins ab dem Knie mit dem Fuß dran“, erwiderte der 40-Jährige.

Er habe sofort ausgerufen „Das ist vielleicht Manfreds Bein!“, so der Zeuge. Grund: Zwei Monate zuvor hatte er bereits in dem Keller zu tun gehabt. Dabei hätten ihm Bedienstete des Eissalons erzählt, Manfred Hinterberger sei „abgehauen“.

„Ich wollte sie loswerden“

Weitere Zeugen berichteten über Treffen mit der Angeklagten am Tag ihrer Flucht. Darunter war auch ein Taxilenker, der Estibaliz C. vom Wiener Flughafen nach Italien brachte. Zunächst habe sie nach Kärnten wollen, dann wünschte sie, nach Italien gefahren zu werden. „Da hat sie langsam angefangen zu erzählen. Sie habe Probleme mit der Polizei“, meinte der Zeuge. Er habe ihr ein Hotelzimmer organisiert. „Ich wollte sie loswerden“, erzählte der Zeuge. Sie habe auf ihn „ruhig, ganz normal gewirkt“. Ein weiterer Taxifahrer, der Estibaliz C. zuvor zum Airport gebracht hatte, schilderte, wie sie in seinem Auto ein Testament zugunsten ihres Freundes verfasst hatte.

Die Verhandlung wird am Mittwoch mit weiteren Zeugenbefragungen fortgesetzt. Das Urteil ist für Donnerstag geplant. (APA, tt.com)

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