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Papst-Porträt

„Ich bin nur ein einfacher, kleiner Arbeiter im Weinberg des Herrn“

Fast acht Jahre dauerte das Pontifikat von Benedikt XVI.. Nun zieht er selbst einen Schlussstrich. Radikale Umwälzungen waren nicht sein Ziel. Dennoch wird der deutsche Papst in Erinnerung bleiben.

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Von Hanns-Jochen Kaffsack

Rom – Eine richtungweisende „Ära Benedikt“ ist es nicht geworden. Dafür war die Zeit des Joseph Ratzinger auf dem Stuhl Petri denn doch zu kurz und ein klarer Reformwille nicht zu sehen. Knapp acht Jahre regierte der Deutsche als Nachfolger des populären Johannes Paul II. die katholische Weltkirche. Dies gilt in der Zeitrechnung des Vatikans bereits nicht mehr nur als Zwischenspiel.

Der Bayer aus Marktl am Inn wird den Gläubigen trotz der Kürze seines Pontifikats in Erinnerung bleiben als einer, der das Gesicht seiner Kirche immens geprägt hat. Denn vor seiner von Krisen geschüttelten Zeit als Papst Benedikt XVI. war er über 20 Jahre lang als Kardinal Joseph Ratzinger „oberster Glaubenshüter“ der Kirche. Auch das Bild bleibt: Benedikt, der sich 2010 dem üblen Missbrauchsskandal der Kirche gestellt hat. Zwei Jahre später traf ihn die „Vatileaks“-Krise um veruntreute Dokumente von seinem Tisch.

Der mächtige Mann hinter Johannes Paul II.

Es ist ein Wechselbad der Gefühle: In den römischen Nieselregen mischt sich am 19. April 2005 weißer Rauch aus einem vatikanischen Schornstein. Zweieinhalb Wochen zuvor hatten Millionen Gläubige den charismatischen polnischen Pontifex beweint, ihren Johannes Paul II., gestorben 84-jährig nach einem schlimmem Leiden. Nun tritt abends im päpstlichen Gewand derjenige auf den Balkon des Petersdomes, der fast ein Vierteljahrhundert lang der mächtigste Mann hinter Karol Wojtyla war: Die Kardinäle haben im Konklave Joseph Ratzinger drei Tage nach seinem 78. Geburtstag an die Spitze der katholischen Kirche gewählt. Ein deutsches Boulevardblatt titelt stolz: „Wir sind Papst.“ Doch wie würde Joseph Ratzinger, zuvor strenger Präfekt in Rom, das Schiff lenken?

Jahre später waren die Gefühle – gelinde gesagt – gemischt. Jener bayerische Theologieprofessor, der gar nicht Papst werden wollte, hatte mit seiner freundlichen und zurückhaltenden Art zunächst die Masse der Gläubigen in seinen eher unspektakulären Bann gezogen. Dann sorgten kritische Worte dieses brillanten Denkers, der für sich den Papstnamen Benedikt XVI. gewählt hatte, für Aufruhr bei Muslimen.

Pannen verschlimmern die kirchliche Krise

Kommunikationspannen des Vatikans verschlimmerten die Krise rund um die Wiederannäherung Roms an die erzkonservativen Pius-Brüder mit dem Holocaustleugner Richard Williamson. Später verbreiterte das häppchenweise Aufdecken sexuellen Missbrauchs die Kluft zwischen der Kirche und den Gläubigen – und das beileibe nicht nur in Deutschland. In dieser tiefsten Krise seiner Kirche seit langem beklagte er die „Sünde in der Kirche“, bat um Vergebung und forderte „Null Toleranz“.

„Ich bin doch nur ein einfacher, kleiner Arbeiter im Weinberg des Herrn“, hatte der frisch gewählte Papst erklärt, der als Präfekt der Glaubenskongregation oft als „Panzerkardinal“ oder auch „Inquisitor“ angefeindet worden war. Bereits als er 1981 von Johannes Paul II. in den Vatikan geholt wird, lautet Joseph Ratzingers bis zuletzt gültige Botschaft: „Nicht alle Meldungen, die aus Rom kommen, werden angenehm sein.“ Er sah auch als Papst seine Aufgabe darin, den konservativen Kurs seines polnischen Vorgängers fortzusetzen und als brillanter Theologe und Vielschreiber den Gläubigen Lesefutter zu bieten.

Überlebensnotwendige Werte

Er wollte die Einheit der Kirche bewahren auch in heiklen Jahren – so gut es eben geht. Und er hielt deshalb trotz aller Kritik an den Werten fest, die er als überlebensnotwendig ansieht. So blieben lange geforderte Reformen etwa beim Zölibat oder der Sexualmoral aus.

„Benedikt ist nicht gewählt worden, um das Steuer des Kirchenschiffs herumzureißen“, erläuterte einmal treffend der ehemalige Ratzinger-Schüler Wolfgang Beinert. „Er hat eine im Wesentlichen konservative Persönlichkeitsstruktur.“ Und so blieb er der ablehnenden Haltung zu Abtreibung, Sterbehilfe und Kondomen treu, betonte weiter die „Einzigartigkeit“ der katholischen Kirche und ließ begrenzt liturgische Formen aus der Zeit vor den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) wieder zu. Ob er das nun gut erklärte oder nicht, immer kam Kritik von denen, die eine „Öffnung“ wollten.

Krise um die Piusbrüder

Neben dem Missbrauchsskandal lastete die Krise um die Piusbrüder bleiern auf dem Pontifikat - und legte vatikanische Defizite offen. Mit der umstrittenen Rücknahme der Exkommunikation der Piusbischöfe durch Benedikt schoss der Vatikan ein glattes Eigentor, wurde doch „übersehen“, dass sich darunter der Holocaust-Leugner befand. Und die Kurie, die sowieso nur selten einheitlich an einem Strang zieht, war überfordert, konnte diese päpstliche Entscheidung nicht vermitteln.

„Wenn solche Dinge vom Vatikan rechtzeitig erklärt worden wären, hätte man sie vielleicht auch besser verstehen können“, meinte der langjährige Chef der deutschen Sektion von Radio Vatikan, Eberhard von Gemmingen. Benedikt selbst sei dabei eine „reine Seele“ (anima candida), also oft weit weg von der Realität. In einem Elfenbeinturm?

„Permanenter Krisenzustand“

Die Muslime waren verärgert über Benedikts Islam-kritisches Zitat in der „Regensburger Rede“ im September 2006. Nicht nur der Streit um die Piusbrüder und den „Weltkriegs-Papst“ Pius XII. verärgerte die jüdischen Kreise. Kritiker bedauerten den Stillstand in der Ökumene. Auch wenn Benedikt offen in die vielen Gespräche mit anderen Kirchen und Religionen ging, das Misstrauen schien größer denn je, und die Medien belauerten jeden Schritt des deutschen Papstes. „Praktisch ist der Krisenzustand permanent“, erklärte der Vatikan-Kenner der Zeitung „La Repubblica“, Marco Politi, der dpa. Und er sprach von mangelnder Führungskraft: „Hat man kein Fingerspitzengefühl fürs Regieren, gibt es immer Probleme.“ Fehlte dem Professor Ratzinger dafür das Talent?

Wandel im Vatikan braucht Zeit, und der Papst schien mehr auf eine innere Erneuerung des Menschen statt auf Strukturreformen der Kirche im 21. Jahrhundert zu setzen. Umgänglicher war er geworden, er traf - auch während seines Deutschland-Besuches 2011 - gerne junge Menschen. Und mehrfach auch Missbrauchsopfer. Den Kurs wollte er halten, während seine Milliarden-Kirche in Asien und Afrika wuchs. Den großen Reform-Wurf erwartete wohl kaum jemand mehr von dem Papst, der seine Kirche als „Global Player“ für eine Welt der Werte, der Ökologie und des sozialen Handelns zu erhalten versuchte. Mehr Krisen drohten, harte Zeiten, in denen auch wohlmeinende Enzykliken wie „Gott ist Liebe“ oder „In der Hoffnung gerettet“ keine Dämme bauen. Wie er Christsein im Kern forderte, das schaffte Probleme. (dpa)

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