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Wasserschwund

Krach im Garten Eden: Dreht die Türkei Nachbarn das Wasser ab?

Die Süßwasser-Reserven in weiten Teilen des Nahen und Mittleren Ostens gehen zum Teil dramatisch zurück. Länder wie Irak oder Syrien sind von Wasserarmut bedroht. Die Türkei ist bei den Vorräten für die Region am Drücker - und in der Kritik. Der Streit um die kostbare Ressource könnte eskalieren.

Von Susanne Güsten

Ankara, Bagdad - Schnee, Eis und Regen - Wasser in den verschiedensten Formen gibt es derzeit im Osten Anatoliens im Überfluss: Allein in den vergangenen Tagen wurden die Zufahrtsstraßen zu mehr als 200 türkischen Dörfern in der Region von Schneemassen blockiert. Weiter im Südosten der Türkei, nahe der Grenze zu Syrien, erwarten die Meteorologen in den kommenden Tagen ergiebige Regenfälle. Im Frühling wird sich das Schmelzwasser aus den Bergen in die beiden großen, sagenumwobenen Ströme Ostanatoliens ergießen: Euphrat und Tigris sind nicht nur für die Türkei wichtig, sondern auch für die südlichen Nachbarn Syrien und Irak. Doch die Wassermenge sinkt seit Jahren dramatisch: Der Streit um die kostbare Ressource dürfte schärfer werden.

Rückgang um 144 Kubikkilometer

Eine neue Studie unter Mitarbeit der US-Raumfahrtbehörde NASA weist auf der Basis von Satellitenbildern den dramatischen Rückgang der Wasservorräte nach. Demnach betrug der Wasserverlust im Einzugsgebiet von Euphrat und Tigris in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 144 Kubikkilometer - das bedeutet, dass seit 2003 fast die dreifache Wassermenge des Bodensees verschwunden ist. Für mehr als die Hälfte des Rückgangs ist Raubbau am Grundwasser durch Bewässerungs- und Trinkwasserbrunnen verantwortlich, sagen die Forscher.

Als Ursprungsland von Euphrat und Tigris spielt die Türkei bei dem Problem eine Schlüsselrolle. Mit einem fast fertigen Netzwerk aus 22 geplanten Staudämmen greift Ankara in das Wassersystem der beiden biblischen Ströme ein und zieht den Vorwurf auf sich, den Nachbarn Syrien und Irak den Hahn abzudrehen.

Irak sieht Türkei als „feindlichen Staat“

Erst im vergangenen Monat warf der irakische Parlamentsabgeordnete Karim Elewi der Türkei vor, so viel Wasser zurückzuhalten, dass die Landwirtschaft im Irak schweren Schaden nehme. Die Türkei setze ihre geografische Lage für politische Zwecke ein, sagte Elewi. Damit spielte er auf das angespannte Verhältnis zwischen Ankara und der irakischen Zentralregierung in Bagdad an, die den türkischen Nachbarn als „feindlichen Staat“ betrachtet.

Die Türkei dementiert, dass sie ihren relativen Wasserreichtum als Mittel für Machtspielchen benutzt. In einem Grundsatzpapier zur Wasserpolitik erklärte das türkische Außenministerium zudem, dass die durchschnittliche Wassermenge des Tigris zur Hälfte aus Zuflüssen im Irak selbst stammt, und nicht aus dem türkischen Abschnitt des Stroms. Wenn der Irak über einen sinkenden Pegel klage, müsse das Land die Schuld erst einmal bei sich selbst suchen, lautet der Vorwurf dahinter. Tatsächlich kritisiert die NASA-Studie, im Irak seien rund tausend neue Brunnen gebohrt worden.

Auch betonen türkische Regierungspolitiker, dass sie selbst im Verhältnis zum Euphrat-Anrainer Syrien, wo Ankara den Sturz von Präsident Bashar al-Assad anstrebt, auf Strafaktionen bei wichtigen Ressourcen verzichten. Ankara habe keinerlei Pläne, die Durchflussmenge des Euphrat nach Syrien hinein zu verringern, sagt Wasserminister Veysel Eroglu. Schließlich wolle die Türkei nicht die syrische Bevölkerung leiden lassen: „Unser Problem ist Assad.“

Wachsender Eigenverbrauch der Türken

Nicht so sehr der Einsatz von Wasser als Machtinstrument bildet eine potenzielle Keimzelle künftiger Krisen, sondern der wachsende Eigenverbrauch der Türken. Die Staudämme des so genannten Südostanatolien-Projektes (GAP) sollen in den kommenden Jahren rund 1,7 Millionen Hektar Land um Euphrat und Tigris bewässern und jährlich 27 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen. Ausdrückliches Hauptziel von GAP ist es, die Region zu einem „landwirtschaftlich gestützten Export-Zentrum“ zu machen, wie es auf der Website des staatlichen Projektes heißt.

Bisher waren diese Ziele wegen des Kurdenkonfliktes in der Region unrealistisch: Der Krieg zwischen den PKK-Kurdenrebellen und der türkischen Armee hat mehr als 40.000 Menschen das Leben gekostet und ganze Landstriche verwüstet. Doch nun kommt die Hoffnung auf Frieden auf. Die türkische Regierung verhandelt mit dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan über ein Ende der Gewalt.

Ein Ende der Kämpfe könnte indirekt jedoch den Streit ums Wasser verschärfen. Sollte die PKK ihre Waffen niederlegen, wird es in Südostanatolien einen Wirtschaftsaufschwung geben - was auch auf steigenden Wasserverbrauch hinausläuft, denn die Gegend hat landwirtschaftliches und auch touristisches Potenzial. Nicht umsonst vermuten einige Forscher den biblischen Garten Eden irgendwo zwischen Euphrat und Tigris in der heutigen Türkei. Nur: Ein Boom im türkischen Garten Eden bedeutet, dass für Syrer und Iraker noch weniger Wasser übrig bleibt. (APA)