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Toulouse

Ein Jahr nach Toulouse-Attentat: Angst vor neuen Anschlägen

Der Anschlag auf eine jüdische Schule schockt Frankreich und die Welt. Unter den Opfern des islamistischen Serienmörders Mohamed Merah sind drei Kinder. Bis heute ist unklar, ob er Mitwisser hatte.

Von Ansgar Haase

Toulouse - Keine Hinweise auf Feinde, kaum Spuren, kein Bekennerschreiben - als im südfranzösischen Toulouse am 11. März 2012 ein junger Mann erschossen wird, tappen die Ermittler völlig im Dunkeln. Niemand ahnt, dass die kaltblütige Ermordung des Soldaten Imad Ibn Ziaten nur der Auftakt zu einer grauenvollen Serie islamistischer Terrorakte ist.

Als die Ermittler auf die Spur des 23 Jahre alten Mohamed Merah kommen, sind zwei weitere Militärangehörige sowie ein jüdischer Lehrer und drei Kinder im Alter von vier, fünf und acht Jahren tot. Merahs Tat versetzte vor einem Jahr die Nation in Schockzustand und unterbrach jäh den Präsidentschaftswahlkampf.

Warum konnte Merah drei Mordanschläge mit sieben Todesopfern verüben? War er wirklich ein Einzeltäter? Und warum wurde er nicht lebend gefasst? Für etliche Franzosen gibt es auf entscheidende Fragen bis heute keine befriedigende Antwort.

Als gefährlich eingeschätzt, aber in Ruhe gelassen

Schockiert erfuhr die Öffentlichkeit nach der Verbrechensserie, dass Merah bereits Jahre vor dem ersten Mord vom französischen Inlandsgeheimdienst beobachtet worden war, dass er in Hochburgen radikaler Islamisten nach Afghanistan und Pakistan reiste und dass er von örtlichen Agenten als gefährlich eingeschätzt, aber dennoch in Ruhe gelassen wurde.

Die Ermittlungspannen erinnern an diejenigen, die in Deutschland dazu führten, dass die rechtsextremistische Gruppe NSU zehn Morde begehen konnte. Es habe bei der Arbeit der Geheimdienste Fehler und Versäumnisse gegeben, gab Frankreichs Innenminister Manuel Valls zu. Die Zusammenarbeit zwischen Entscheidern in Paris und Mitarbeitern vor Ort soll nun verbessert werden. Ein Dekret zur Umstrukturierung des Inlandsgeheimdienstes DCRI ist laut Tageszeitung „Le Monde“ unterzeichnet, aber als „geheim“ eingestuft worden. Seit Herbst gibt es ein Gesetz, dass Reisen in ausländische Terrorlager unter Strafe stellt.

Mehrere Dutzend potenzielle Täter

Die Furcht vor neuen Anschlägen ist groß. Mit dem Kampf französischer Soldaten im afrikanischen Mali gegen islamistische Aufständische hat Präsident François Hollande sein Land zum Hassobjekt für Dschihadisten gemacht. „Es gibt heute in Frankreich mehrere Dutzend potenzielle Merahs“, warnt Innenminister Valls. „Es schreiten nicht alle zur Tat, aber wir müssen uns darauf vorbereiten.“

Mit Sorge wird gleichzeitig beobachtet, wie sich Spannungen zwischen Muslimen und Andersgläubigen im Land verschärfen. Laut jüngsten Umfragen halten rund drei Viertel der Franzosen den Islam für eine intolerante Religion, die unvereinbar mit den Werten der französischen Gesellschaft sei. Das Konfliktpotenzial ist enorm. In Frankreich lebt die größte muslimische Gemeinde Westeuropas. Sie wird auf mehr als vier Millionen Mitglieder geschätzt.

In einer aufsehenerregende Dokumentation des TV-Senders France 3 äußerte sich die Mutter Merahs jetzt erstmals öffentlich. Nach eigenen Worten war sie vollkommen überrascht von der Radikalisierung ihres Sohnes. „Er war ein hübscher Junge. Er war höflich. Er hat sich von einem Tag auf den anderen verändert. Ich weiß nicht warum“, sagt Zoulikha Aziri unter Tränen. Mohamed habe nie vom Dschihad geredet.

Attentäter stirbt im Kugelhagel der Polizei

Ausführlich schildert der Film auch das dramatische Ende ihres Sohnes, das TV-Nachrichtensender live in die ganze Welt übertrugen: Nach rund 32-stündiger Belagerung stürmte die Polizei am 22. März die Wohnung Merahs. Der 23-Jährige wehrte sich bis zum Schluss und starb im Kugelhagel der Sicherheitskräfte. Zuvor hatte er sich selbst als Mudschaheddin (Gotteskrieger) bezeichnet und erklärt, dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahezustehen.

Die drei Soldaten mussten demnach sterben, weil sie einer Armee angehörten, die in Afghanistan gegen seine Glaubensbrüder kämpfte. Der Anschlag auf die jüdische Schule bezeichnete er als Vergeltung für den Tod palästinensischer Kindern im Nahost-Konflikt.

Ob Merah Mitwisser oder sogar Helfer hatte, ist bis heute unklar. Anti-Terror-Fahnder nahmen mehrfach Verdächtige fest. Bis auf Merahs Bruder Abdelkader mussten alle wieder freigelassen werden. Selbst bei Abdelkader gilt die Beweislage als dünn. Er bestreitet jegliche Mitwisserschaft. Erwiesen ist nur, dass er bei dem Diebstahl des Motorrollers dabei war, der Merah bei allen Taten als Fluchtfahrzeug diente - zusammen mit einer dritten, bis heute unbekannten Person. (Ansgar Haase arbeitet für die Deutsche Presse Agentur.)