Verbot der Kinderehe im Jemen gefährdet: Frauen demonstrieren
Sanaa – Vor einigen Jahren machte ein achtjähriges Mädchen Furore, das mutig ins Gericht marschierte und die Scheidung von ihrem Ehemann verlangte, einem Mann in den 30ern.
Die Bemühungen im Jemen um ein Verbot der Kinderehe haben jetzt einen herben Rückschlag erlitten: Einige der einflussreichsten islamischen Gelehrten erklärten Befürworter des Verbots zu Abtrünnigen. Mit dem religiösen Dekret steht ein Gesetz auf der Kippe, das Eheschließungen von Mädchen unter 17 Jahren untersagt.
Die Verheiratung von Mädchen noch im Kindesalter ist im Jemen gängiger Brauch. Ihn abzuschaffen, ist auch wegen der bitteren Armut im Land nicht leicht: Auf einen Brautpreis im Wert von mehreren hundert Euro verzichten arme Familien nur schwer.
Über ein Viertel der Jemenitinnen heiraten einem Bericht des Sozialministeriums zufolge vor ihrem 15. Geburtstag. Auch Stammessitten spielen dabei eine Rolle und die Auffassung, dass eine junge Braut zu einer gefügigen Ehefrau geformt werden kann, mehr Kinder zur Welt bringt und keinen Versuchungen ausgesetzt ist.
Im Februar vorigen Jahres wurde das Mindestalter für die Eheschließung gesetzlich auf 17 Jahre festgelegt. Doch das Gesetz wurde von einigen Politikern als „unislamisch“ kritisiert, angefochten und zur Prüfung an den Verfassungsausschuss des Parlaments zurückverwiesen. Eine Entscheidung des Gremiums wird im kommenden Monat erwartet. Dem Ausschuss gehören auch einige der Geistlichen an, die das Dekret am Sonntag unterzeichneten.
Zu den Klerikern zählt auch der einflussreiche Scheich Abdul Majid al-Sindani, den die USA als religiösen Mentor des Terroristenführers Osama bin Laden betrachten. Sindani bestreitet, dem Terrornetzwerk Al-Kaida anzugehören.
Dass sich Regierungsvertreter ungern mit Sindani und anderen konservativen Religions- und Stammesführern anlegen wollen, deren Rückhalt sie zur Aufrechterhaltung der labilen Machtverhältnisse brauchen, macht es den für ein Verbot kämpfenden Menschenrechtsgruppen nicht leichter.
Die Geistlichen organisierten am Sonntag eine Protestdemonstration von Frauen gegen das Gesetz. Von Kopf bis Fuß schwarz verschleiert, trugen sie Plakate mit der Parole: „Ja zu den islamischen Rechten der Frauen“.
„Ich bin mit 15 verheiratet worden und habe heute viele Kinder“, erklärte die Demonstrantin Umm Abdul Rahman. „Und ich werde meine Tochter im gleichen Alter verheiraten, wenn ich beschließe, dass sie bereit dafür ist.“
Früher galt im Jemen das Mindestalter von 15 Jahren, doch das entsprechende Gesetz wurde in den 90er Jahren abgeschafft mit der Begründung, die Eltern sollten entscheiden, wann ihre Tochter heirate.
Das Schicksal der Kinderbräute gelangte vor drei Jahren mit der Scheidungsklage der Achtjährigen in die Schlagzeilen. Das Mädchen setzte letztlich die Scheidung durch, und das Parlament begann sich des Themas anzunehmen.
Im September starb nach Angaben einer Menschenrechtsorganisation ein zwölf Jahre altes verheiratetes Mädchen bei der Geburt eines Kindes, nachdem sie drei Tage lang in den Wehen gelegen hatte.
„Die Regierung hat zwei Möglichkeiten: den Mädchen im Jemen eine Chance im Leben zu geben oder sie zur Todesstrafe zu verurteilen“, sagte Amal Basha, Vorsitzende der Menschenrechtsgruppe „Forum Arabischer Schwestern“, die für Dienstag ebenfalls eine Demonstration geplant hatte. (apn)
aktualisiert: Fr, 28.05.2010 09:09



