27.08.2012, 23:11  Aktualisiert: 28.08.2012, 13:55 
Unwetter über Tirol

Kritische Situation am Horizont: Ab Freitag drohen neue Unwetter

„Vollgesoffene“ Hänge und neuerliche Regenfälle am kommenden Wochenende könnten erneut zu Muren und Hangrutschen führen. Die Landesgeologen zählen so viele Einsätze wie nie zuvor.

Von Marco Witting

Innsbruck – Vormittags im Pitztal. Am Nachmittag in Inzing. Am Abend vielleicht ins Unterland. Landesgeologe Gunther Heißl ist derzeit ein Kilometerfresser – im Auto und zu Fuß. Der Unwettersommer 2012 hält die gesamte Abteilung seit Wochen und Monaten auf Trab. Und während die größten Schäden des vergangenen Wochenendes beseitigt werden, zieht am Horizont und auf den Wetterkarten das nächste Unheil heran. Die Wetterlage für das kommende Wochenende wird auch von den sonst eher zurückhaltenden Landesgeologen als „kritisch“ gesehen.

Heißl: „Es gibt keinen Grund für Panik. Aber die Prognosen, die uns für das kommende Wochenende vorliegen, verheißen viel Regen. Vielleicht noch mehr als am vergangenen Wochenende.“ Das heißt: Es drohen erneut Muren, Hangrutsche und Steinschläge. „Das sind keine guten Nachrichten. Die Hänge sind jetzt mit Wasser ‚vollgesoffen‘. Und die werden auch nicht so schnell trocken“, sagte Heißl. Man müsse die Situation in den kommenden Tagen daher von Tag zu Tag beobachten. Ob und wo etwas passieren könnte, das könne niemand vorhersagen.

Zumindest in einigen Regionen hat sich die Lage entspannt. Vorerst. Darunter ist auch das Pitztal: Nachdem es in der Nacht von Sonntag auf Montag große Felsabbrüche gab, die Pitztaler Ache aber ungehindert abfließen konnte, gab es hier vorläufig Entwarnung. Die bisherige Dauerbeobachtung des Rutschhanges wurde vorläufig gelockert. Die Einsatzkräfte werden das Gebiet aber im Auge behalten. In Gießenbach (auf dem Gemeindegebiet von Scharnitz) verbesserte sich die Situation ebenso. Hier hatte eine Mure die Karwendelbahn und die Bundesstraße bedroht. Gesperrt bleibt dagegen weiter die Gemeindestraße in Sellrain.

Aufräumen hieß es am Dienstag auch im Unterland, wo viele fleißige Helfer die Schäden der Unwetter vom Samstagabend beseitigten. In Ellmau erlitt dabei ein Feuerwehrmann einen Unterschenkelbruch. Welche Kraft das Gewitter hatte, zeigte sich unter anderem im Valsertal, wo, wie berichtet, eine Liftstation einer Materialseilbahn mitgerissen wurde. Ob Tiere bei dem Unwetter umgekommen sind, ist weiter unklar.

2012 ist schon jetzt für die Mitarbeiter der Landesgeologie ein absolutes Spitzenjahr. Seit 27. Dezember habe es nur zwei Wochen gegeben, in denen es keinen Einsatz gab. „Und dazwischen gab es Wochen, die heftig waren“, erklärte Heißl. Man habe das Rekordjahr 1999 wohl längst überschritten, doch bisher noch keine Zeit gefunden, in die Statistik zu blicken. „Absiedeln“ müsse man in Tirol aber nicht. „Damit würde man das Kind absolut mit dem Bade ausschütten.“

Rainer Brandner vom Institut für Geologie an der Universität Innsbruck sieht bei den „Masse­bewegungen“ ein außergewöhnliches Jahr. Fast täglich lese man derzeit, was auf den Bergen los ist. „Viele Hänge sind in einem labilen Gleichgewicht. Nur kennen wir nicht alle Gebiete, in denen das der Fall ist.“

Brandner weiter: „Die Maßnahmen, die die Institutionen treffen, sind – überspitzt gesagt – nur Feuerwehraktionen.“ Dies könne immer erst geschehen, nachdem etwas passiert ist. „Und selbst da ist es gar nicht so einfach.“

Was es nach Ansicht des Wissenschafters brauche, sei eine Tirol-Karte, auf der Flächen erfasst werden, die labil sind. Die hochauflösenden Geländemodelle des Landes seien eine Grundlage dafür. „Die Frage ist immer, wer so etwas zahlt.“

Es sei wichtig, zu verstehen­, warum etwas passiert. „Oft reagiert ein Hang nicht unmittelbar, sondern erst Monate später. Es geht darum, ein Verständnis zu entwickeln. Dafür braucht es ausgedehnte Messreihen.“ Auch hier sei die Finanzierung oft genug das größte Argument für ein Scheitern.

Auch sonst hat Brandner einige Anregungen für den künftigen Umgang mit Naturkatastrophen. „Man sollte überlegen, die Verantwortung mehr auf die lokale Ebene zu ziehen, wie es in Südtirol gemacht wird.“ Jeder Bürgermeister solle sein Gemeinde­gebiet genau untersuchen lassen.

„Es braucht auch Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung“, sagt der Geologe. „Nur weil in manchen Gebieten bisher nie etwas passiert ist, heißt das noch nicht, dass unter anderen klimatischen Bedingungen nicht doch etwas passieren kann.“

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 27.08.2012  23:11
aktualisiert: Di, 28.08.2012  13:55
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